Und sie kriegen sich nicht

von Redaktion

Neujahrsgala mit Lehars Spätwerk „Zarewitsch“ im Haus der Kultur Waldkraiburg

Waldkraiburg – Zwei Liebende scheitern an der Unvereinbarkeit von persönlichem Glück und Staatsräson. Es gibt wohl nur einen Komponisten, der aus einem solchen Drama eine doch unterhaltsame Operette gemacht hat: Franz Lehar. Das Operettentheater Salzburg unter der Leitung von Lucia Meschwitz, mehrfach als Tourneebühne ausgezeichnet, führte bei der Neujahrsgala im Waldkraiburger Haus der Kultur Lehars Spätwerk „Zarewitsch“ auf.

Das Publikum im ausverkauften Großen Saal bekam nach dem obligatorischen Sektempfang zum neuen Jahr eine fantasievolle Inszenierung zu sehen. Nicht nur, dass die Musik eher opernhaftes Niveau bietet, auch der Inhalt ist für eine Operette ungewöhnlich – und doch bis heute hochaktuell: Adeliger liebt Bürgerliche. Nur gibt es in diesem Fall einen für das Genre ungewöhnlichen Ausgang: Sie kriegen sich nicht.

Der russische Thronfolger Alexej, der junge Zarewitsch, treibt viel lieber Sport, denn alles Weibliche ist ihm zuwider und er gilt als kontaktscheu: „Der turnt, statt zu küssen!“ Da beschließt sein Onkel und Vormund, der umsichtige, einfühlsame Großfürst, ihn durch eine eingeschmuggelte Geliebte, das Ballettmädchen Sonja, auf die Ehe vorzubereiten. Der Zarewitsch, zunächst wütend, kann von Sonjas behutsamer mitfühlender Art besänftigt werden, indem sie ihm vorschlägt, seine Geliebte lediglich zu spielen und so dem Zarenhof ein Theater vorzugaukeln. Der Plan geht auf, allerdings etwas zu gut: Bei beiden wächst sehr rasch die Zuneigung. Doch eine Heirat ist nicht standesgemäß und so soll Sonja verschwinden, damit Alexej Prinzessin Miliza ehelichen kann.

Zahlreiche Intrigen lassen das Paar schließlich nach Neapel fliehen, lediglich vom treuen Dienerpaar Iwan und Mascha begleitet. Doch der Aufenthaltsort wird entdeckt, der Großfürst macht Sonja die Folgen eines Thronverzichtes klar und appelliert an Alexejs Pflichtgefühl: Persönliches Glück muss geopfert werden zum Wohl des Vaterlands. Als die Nachricht vom Tod des Zaren eintrifft, gehorcht der Zarewitsch der Staatsräson und trennt sich von seiner Geliebten.

Die Solisten aus Salzburg agierten voller Spielfreude und Sangeslust. Allen voran Alexej (Martin Fösel) mit dem Schlager des Genres schlechthin, dem Wolgalied: „Hast du dort oben vergessen auf mich? Trüb ist mein Sinn, ich sitz im goldenen Käfig drin!“ Er gab glaubhaft den lyrischen, aber auch den kraftvoll sich steigernden Tenor im Duett mit Sonja (Doris Langara): „Warum hat jeder Frühling ach nur einen Mai, warum geht denn die Liebe gar so schnell vorbei?“

Die Sopranistin beeindruckte unterdessen durch stimmliche Präsenz und natürliche Ausstrahlung, insbesondere im Liebeslied „Einer wird kommen“. Doch auch die quirligen Buffo- Paare schafften eine humorvoll-dichte Atmosphäre, wenn auch die Neapel-Szene, im Gesamtrahmen gesehen, etwas zu komödiantisch ausfiel.

Der stimmige Gesamteindruck wurde verstärkt durch Chor und Tänzer der bulgarischen Staatsoper Rousse, die sich vom Melodienreichtum der Partitur anstecken ließen. Bestes Beispiel: der Tanz der Tscherkessen im 2/4-Takt.

Vom ersten Takt an präsentierte sich das Orchester unter der Leitung von Christian Pollack als äußerst flexibel, reaktionsschnell und vermittelte stimmungsvoll slawische Schwermut, aber auch romantische Klänge einer sehr sensiblen Musik. So verstanden es Dirigent und das gesamte Ensemble, den Grundgedanken der Operette zu verinnerlichen und zum Ausdruck zu bringen: Die harte Realität schlug zu und Alexej ging den Weg, der von ihm erwartet wurde. Ist dies Stärke oder Schwäche?

Mit der Bewertung dieser Frage wurde das Publikum nach lange anhaltendem Beifall in das neue Jahr entlassen.

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