Spaghetti auf Wandfliesen

von Redaktion

Den Künstler Jacob Ott aus Oberthalham treibt vor allem eine Frage um: Was ist Kunst?

Neumarkt-St. Veit – Was ist Kunst? Eine Frage, die Jacob Ott aus Oberthalham seit Jahren umtreibt. Seine Ideen, die er in Skulpturen, auf Bildern oder in Installationen und konzeptionellen Arbeiten verpackt, stecken voller Humor und haben auch international für Aufsehen gesorgt: darunter Fotos von gekochten Spaghetti auf Wandfliesen, eine mit Palmöl bemalte Glasfassade oder Tassen, mit denen man sich schön bekleckern kann.

Jacob Ott hat bildende Kunst an der Hochschule für Kunst, Design und Populäre Musik (HKDM) Freiburg studiert, 2018 ein Gaststudium an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart abgeschlossen, zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen bestritten und Projekte initiiert.

Inspiration für seine Kunst holt sich der 26-Jährige auch mal in seiner WG-Küche in Freiburg. Die Postkarten am Kühlschrank animierten Jacob Ott dazu, rund 40 Künstler anzuschreiben. Sie sollten ihm weitere gestaltete Postkarten schicken, die er dann an der Kühlschrankfront platzierte. So entstand ein Kunstwerk namens „Kühli“. „Wenn man dann eine Vernissage organisiert, um den Kühlschrank steht und Sekt trinkt, ist das dann Kunst?“ Ott will keine Antworten vorgeben, sondern Menschen zusammenbringen und Diskussionen anregen.

„Wer adelt Kunst und nach welchen Parametern?“ Diese Fragen waren der Ausgangspunkt für neun Bilder auf Leinwand. Jacob Ott bat mehrere Arbeiter ihre „Linien“ auf Leinwand zu ziehen – darunter einen Waldarbeiter, der zu fällende Bäume mit einer Sprühdose markierte, und einen Hausmeister, der die Markierung eines Fußballfeldes nachzieht. In dieser Art der Konzeptionskunst stehen nicht das Werk an sich oder die Materialien im Fokus, sondern die Idee dahinter.

Auf eine Richtung will sich Jacob Ott bei seiner Arbeit nicht festlegen. Er malt expressive Ölbilder, kuratiert Ausstellungen und hat sogar schon seinen eigenen Kunstpreis entworfen. „Das ist kein ernst zu nehmender Preis“, betont er. „Überhaupt sollte man sich selbst nicht so ernst nehmen und mit mehr Humor die Welt betrachten.“

In dieser Welt ist Jacob Ott viel unterwegs – zu Wettbewerbsteilnahmen, Ausstellungen, Projekten. Ein Künstler muss sich heute eben managen, netzwerken, bekannt machen. Aufgaben, die viel Zeit kosten. „Ich versuche, meine Arbeiten sichtbar zu machen“, nennt Ott das etwas zurückhaltend. Und das glückt dem eher schüchtern wirkenden jungen Mann bis dato ganz gut: Nicht nur in seiner Wahlheimat Freiburg, auch in Nürnberg, Enschede, Bern und Basel waren seine Arbeiten schon zu sehen.

In der La Kunsthalle in Mulhouse war zuletzt eine Ausstellung Alltagsgegenständen gewidmet, die ihre ursprüngliche Bedeutung verlieren. Jacob Ott steuerte 100 Keramiktassen bei, die keineswegs funktional getöpfert waren. Besucher konnten die Exponate im Museumscafé ausprobieren und nur unter Schwierigkeiten aus ihnen trinken. Das Ziel: „Die Gäste sollten sich mit dem Objekt an sich befassen.“

Die Leiterin der Ausstellung kannte Otts Arbeiten von der internationalen Bauausstellung in Basel 2016, wo zum Thema Wasser eine Installation zu sehen war: ein Metallkäfig aus Nato-Draht, der ein paar Quadratmeter zum besetzten Land erklärte und in der Mitte eine Regentonne beheimatete. Frei nach dem Motto: mein Land, mein Trinkwasser. Die Kunst des Jacob Ott hat etwas zu sagen. So war der Umgang mit Ressourcen auch Thema einer Ausstellung im Freiburger Kulturwerk T66. Über drei Stockwerke trug er auf der Glasfassade eine leuchtende Masse aus Biopalmfett auf. Das in der Regel konventionell angebaute Palmfett, für das ganze Regenwälder gerodet werden, trägt seinen Anteil am Klimawandel. Grund genug für Jacob Ott, sich damit auseinanderzusetzen.

Aufgewachsen ist der 26-Jährige mit seinen vier Geschwistern in Oberthalham. Kunst ist in der Familie Programm, Vater und Mutter sind freischaffende Künstler. Gemalt und gezeichnet wurde daheim überall und immer. Am liebsten arbeitet Jacob Ott bis heute auf dem Land bei seinen Eltern zu Hause in Oberthalham. „Viele finden es sicherlich verrückt, wie wir hier leben“, sagt er. Die Zeit scheint stehen geblieben, Haus und Hof versprühen den Charme der 1970er-Jahre – bis auf die Ölbilder, Zeichnungen, Skulpturen, Installationen, Grafiken, die einen auf Schritt und Tritt begegnen. Oder das Kinderbuch mit minutiösen Naturbeobachtungen, das seine Mutter nach acht Jahren Arbeit fertiggestellt hat. In jeder Ecke gibt es hier etwas zu entdecken. Und dass in der Küche dann noch Vögel frei herumfliegen, wundert einen schon gar nicht mehr.

Die nächsten Monate verbringt Jacob Ott dennoch in der Fremde, er begleitet seine Freundin, die ebenfalls Kunst studiert, bei einem Auslandssemester in Mexiko City. „Mal sehen, wie mich die Symbolik und die Farben dort beeinflussen.“

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