Waldkraiburg – Zentraler Ausgangspunkt dieser Präsentation ist sicher die Leihgabe aus dem Kunstmuseum Liechtenstein, Paul Klees Papierarbeit „Strand bei Beg Meil“, einem Badeort in der Bretagne, aus dem Jahr 1928, die über einen menschenleeren Strand hinweg den Ausblick auf ein weites Meer elegant hinhaucht – für den Künstler eine Art Ausbruch aus seinem bisherigen Schaffen, sein einziges farbiges Bild nach der Natur aus dieser Zeit.
Nicht nur dieses Bild sei es, so Kulturreferentin Karin Bressel in ihrer Begrüßung der zahlreichen Gäste, unter ihnen drei der ausstellenden Künstler: „Kultur öffnet den Blick auf die Welt, erweitert, hier im wahrsten Sinn, den Horizont.“
Wie wird Landschaft in der Kunst heute denkbar und sichtbar?
Wie wird Landschaft in der Kunst heute denkbar und sichtbar? Dieser Frage geht die Ausstellung „Bloße Landschaft“ in der Städtischen Galerie nach. Mit den Werken von nicht weniger als zwölf zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern zeigte Museumsleiterin Elke Keiper in ihrer Einführung die große Spannbreite heutiger Annäherungen an das Phänomen Landschaft auf.
Am ehesten nähern sich die Arbeiten von Jonathan Bragdon der Arbeit Klees, denn seine Zeichnungen abstrahieren nicht Natur, sondern sie notieren individuelle Beobachtungen. Emma Stibbon beschäftigt sich gerne mit Gegenden, die in einem vergänglichen oder prekären Zustand sind. So zeigt sie in „Broken Ground“, gezeichnet mit Tinte und Vulkanasche, mit den Ausbrüchen des Kilauea auf Hawaii die Schönheit, aber auch Brüchigkeit einer solchen Landschaft.
Einen ganz anderen Weg geht die Chinesin Zhang Wanqing. Von medialen Vorlagen ausgehend, modelliert sie in dichten Pinselstrichen ein gewaltiges Bergmassiv und eröffnet dem Betrachter so die Wildnis einer durch Farbe geschaffenen Harmonie parallel zur Natur.
Danae Xynias Landschaften hingegen faszinieren durch einen wohl hochkonzentrierten Malprozess, mit dem sie die Beschaffenheit von Boden, Wolkenstrukturen und dem einfallenden Licht in grundsätzlichen Stimmungen festhält. In ähnlicher Weise geht Heike Kelter vor, indem sie durch die Natur wandert und spezielle Farbstaffelungen einfängt. Dieses Phänomen reduziert sie in ihren ungegenständlichen Arbeiten allein auf Bilddiagonale und helle und dunklere Farben.
Ganz anders Hank Schmidt van der Beek: Ausgehend von Fotos Fabian Schuberts betreibt er ein humorvolles Spiel mit den Erwartungen des Betrachters, indem er beispielsweise das Linienmotiv seines T-Shirts malt, das er gerade trägt.
Eine dritte Künstlergruppe wendet sich ganz der Fotografie zu. Den Übergang dahin findet Tacita Dean mit ihrem „Berg der Versuchung“. Grundlage ein Papierabzug, den sie mit anderen Abzügen kombiniert und so eine Landschaft von ungewohnter farblicher Radikalität schafft, die den Geisteszustand Jesu nach 40 Tagen Fasten visualisiert – eine zeitgenössische Metapher für den Wahn von Macht und Maßlosigkeit.
Owen Gump hingegen zeigt mit seiner Schwarz- Weiß-Fotografie „Fault Zones“, also Verwerfungen, versetzte tektonische Bruchstellen im Gestein von San Fernando Valley, einem Drehort für zahlreiche Westernfilme, wie sich Erinnerungsbilder mit Spuren vergangener Realität zu neuen Formaten entwickeln.
Jörg Sasse geht von Amateurfotos aus, die er digital bearbeitet und so attraktive Bilder mit eigenartigen Irritationen schafft, indem er die Zentralperspektive aufhebt oder den Lichteinfall verändert. Die besondere Nähe des Betrachters brauchen die Fotos von Bernhard Fuchs aus seinem Zyklus „Waldungen“ nicht nur, weil sie relativ kleinformatig sind. Man muss sie in ihrem fast statischen Bildaufbau ganz persönlich entdecken.
„Mein Video zeigt die Spiegelung einer Flusslandschaft auf meinem Auge, das die Landschaft abtastet und so entsteht ein Ein- und Ausblick in eine veränderte Welt“, beschreibt Melanie Wiora ihre Arbeit „Eyescapes“. Der ausgewählte Naturausschnitt mit einem Baum wird auf diese Weise zur Landschaft gemacht und thematisiert so perfekt das Anliegen der gesamten Ausstellung.