Töging – Sonst spielen sie dieses Stück vor Schulklassen aller Schularten. Doch diesmal luden Matthias Fischer und Vera Schweinstetter, die Leiter des Jungen Landestheater Bayerns, Erwachsene ein, sich das couragierte Stück „Zeig mir deine Wunde“ anzusehen. Der Saal des ehemaligen Gasthauses Gillhuber in Töging war gut gefüllt. Matthias Fischer, der auch die Regie führte, gab zuvor eine kurze Einführung zum besseren Verständnis des Stückes, das sich rund um das Thema Asyl dreht.
In „Zeig mir deine Wunde“ begegnen ein Filmstudent, eine angehende Ärztin, ein erfahrener Asyl-Entscheider und ein afrikanischer Dokumentarfilmer der Geschichte des Afghanen Hassan Adschuli und sehen sich aus ihrer jeweiligen privaten und beruflichen Perspektive vor die Frage gestellt, wie man mit dieser Geschichte am besten umgeht. Ist Hassan Adschuli Asyl zu gewähren? Welche Hilfe benötigt er aus medizinischer Sicht? Ist das nicht alles Stoff für einen Film? Was ist mit unserer eigenen Verwundbarkeit? Wir alle erfahren im Laufe unseres Lebens Verletzungen. Führt uns das dazu, dass wir das Leiden um uns herum ausblenden wollen oder kann es uns mitfühlender und gütiger machen?
Betritt man dann das Theater, taucht man ein in eine abgedunkelte Bühne, auf der ein Krankenhaus, ein Büro eines BAMF-Beamten (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge), ein privates Zimmer und eine Parkbank zu erkennen sind. Tonschnipsel aus Musik und Radionachrichten komplementieren den überwältigenden Eindruck.
Als erster tritt Lawrence (Haruna Zahidi Munira) auf, ein Dokumentarfilmer aus Ghana, der wegen eines Stipendiums in Deutschland ist und einen Dokumentarfilm drehen will. Er fragt das Publikum, wie es die Kälte hier aushalte und warum alle an einer Ampel auf Grün warten, obwohl kein Auto zu sehen sei. Er ist zwiegespalten – einerseits ist er selbst ein Ausländer, mit schwarzer Hautfarbe noch dazu. Andererseits will er einen Film drehen.
Sebastian Eigenbrod beeindruckt als Paul, ein Filmstudent, der ein Thema für seinen Abschlussfilm sucht. Seine Freundin Betty, eine angehende Ärztin, hat die Krankenakte von Hassan, die sie eigentlich nicht mit aus dem Krankenhaus hätte nehmen dürfen, bei Paul vergessen. Vera Schweinstetter verkörpert diese einfühlsame junge Frau, die zum Schluss sogar an ihrem Berufswunsch zweifelt. Paul will einen Film über Hassan drehen, das verbietet ihm Betty jedoch. Bei der Untersuchung von Hassan Adschuli, der Hauptperson des Stückes (spielt sich selbst), erfährt sie, dass Hassan beim ersten Abschiebeversuch einen Selbstmordversuch begangen hat. Beim zweiten Mal hatte er sich trotz Fixierung mit Handschellen in die Hand gebissen und war kollabiert.
Hassan stellt das von ihm selbst Erlebte beeindruckend dar, seine Stimme ist brüchig, er zittert am ganzen Leib. Er stammt aus Afghanistan, Gewalt zog sich wie ein roter Faden durch sein Leben: Sein Vater schlug ihn regelmäßig, mit 14 Jahren war er bei seiner Arbeit in einer Keksfabrik unter Drogen gesetzt worden. Man verkleidete ihn als Mädchen und filmte ihn beim Tanzen. Dieses Video wurde ins Internet gestellt. Später wurde er auch noch von seinem Chef vergewaltigt. Es folgt die Anhörung vor dem Beamten des BAMF. Herr Adam entscheidet über den Asylantrag von Hassan. Letzten Endes eine Entscheidung über Leben und Tod. Adam beruft sich auf seine Vorschriften und die geltenden Gesetze. Er handle schließlich für den Staat. Empathie, also Einfühlungsvermögen, zeigt der Beamte nicht.
Die Frage „Finden Sie das gerecht, wie Sie mit Hassan umgehen?“, setzt bei Adam jedoch einen Denkprozess über die Sinnhaftigkeit seines Tuns in Gang. Ein Sinneswandel, der auch bei den anderen Handelnden einsetzt: Betty erlaubt nun Paul, den Film zu machen. Sie hofft, dass es Hassan besser gehen würde, wenn mehr Leute von seinem Schicksal erfahren. Lawrence erkennt, dass er das gleiche Problem wie Paul hat – wie kann ein Film über Hassan diesem helfen? Am Schluss sitzen Adam und Hassan auf einer Parkbank. Adam teilt seine Brotzeit mit Hassan – ein versöhnlicher Ausgang des Stückes.
Sehr nachdenkliche Zuschauer verlassen den Theatersaal. Hassan lebt immer noch im Landkreis Mühldorf, in unserer Nähe. Sein Schicksal? Weiterhin ungewiss.