Mühldorf – Reliquien: „alles todt Ding“? Da irrte Martin Luther, würde ein Mühldorfer sagen. Zumindest der, der in Reinhard Zehentners Ausstellung „Perlen, Gold und heilige Leiber“ blickte. So eng es der Bewunderer der – ob echt oder unecht – strahlenden sakralen Schätze aus Zehentners eigenem Bestand und dem von ihm aus Klöstern und Kirchen des Landkreises Mühldorf und seiner Nachbarn auch im Mühldorfer Museum auch haben mag, um alles genau in Augenschein nehmen zu können: Diese Schau ist eine Schau.
Da haben Landrat, Geschichtsarbeits-Koordinator und Interimsleiterin des Museums der Kreisstadt recht: Die viele Beschaffungs- und Aufbauarbeit all der silber- und goldblitzenden, buntstein-bestückten Herrlichkeiten von Klapp-Altärchen, Agnus Dei-Umgarnungen, Paradiesgärtlein-Kästen nebst viel Frömmlerischem und Andachtsgebietendem hat sich gelohnt.
Schleicherbildchen und Klosterarbeiten
Dem interessierten Betrachter gehen die Augen über. Wer noch nicht fromm war, geht hier in die Knie – vor so viel „heiligem Kram“ auf engstem Raum in Gestalt von Schleierbildchen, Klosterarbeiten, Heiligenfiguren und Andachtsbildchen. Allesamt aus der Sammlung Reinhard, wenn nicht entliehen aus heimischen Klöstern und Abteien – von Frauenwörth im Chiemsee über das Kloster Sankt Veit bis zum Zangberger Kloster St. Josef. Den Leihgebern, unter anderem beiden großen Mühldorfer katholischen Gotteshäusern, die nun ein paar Wochen auf ihren Thesaurus verzichten müssen, wurde ausgiebig gedankt.
Einige Leihgeber, sogar interessierte junge Augustiner-Chorherren aus Paring südliche von Regensburg kamen persönlich zur Eröffnung mit Musik, Empfangswein und Begrüßungsreden und einer erträglich langen Einführung des bewanderten und begnadeten Kurators, eines künstlerisch ambitionierten Sohns der Stadt Mühldorf, der als letzter Reliquien-Verpacker Altbayerns vorgestellt wurde.
Wer schon 2011/2012 seine Ausstellung unweit seiner Wirkungsstätte, dem Landesamt für Denkmalspflege in München, sah, ist nicht enttäuscht; denn die Mühldorfer Schau ist bewusst auf die Region gerichtet, sodass Bezüge zu Au am Inn, Pürten, Buchbach, Altmühldorf und Neumarkt-St. Veit herstellbar sind. Reinhard Zehentner arbeitet seit fast zwei Jahrzehnten als Reliquien-Fasser, von den (echten) Gebeinen der seligen Irmengard von Chiemsee bis zur (unechten) Feder des Luzifer: Zehentner beliebt zu scherzen. Das wirkt befreiend, weil leicht persiflierend; denn irgendwie hatte Martin Luther doch recht mit seiner Kritik an den Reliquien, die es hier in Fülle und – wie es sich für Zehentner gehört – Hülle zu betrachten gibt.
Damit man nicht wie bedeppert herumtappst in der Welt der Sakramentalien und religiösen Bilderlustbarkeiten, bekam man als Vernissage-Besucher ein Glossar nebst einem von Zehentner fabrizierten Altöttinger Schleierbildchen samt Gnadenbild-Brieflein mit auf den Heimweg. Seltsam, dass einem noch lange zwei Besonderheiten dieser Ausstellung durch den Kopf gehen: der „Wettersegen“ der Mystikerin Katharina Emmerich, der angeblich über die Familie Brentano ins Kloster Zangberg geriet und zwei Spielkarten, die wohl durch ihre sakrale Auszier dem Teufelswerk des Kartenschlagens entgegentreten wollten.