Waldkraiburg – Die Neugierde war geweckt, als man in der Vorankündigung den Titel der kommenden Jahresausstellung las: Die Faszination des Vergänglichen – Morbide – Marode. Und genauso war es auch Kulturreferentin Karin Bressel ergangen, wie sie in ihren Begrüßungsworten betonte: „Im Herbst ist ein solches Thema von Verfall und Vergangenem nachvollziehbar – aber jetzt im aufkeimenden Frühjahr?“ Ebenso war Gabriele Röpke, Vorsitzende des Kunstvereins, zunächst etwas unangenehm berührt, als aus den Vorschlägen der Mitglieder gerade dieses Motto die meisten Stimmen bekommen hatte. Und sie alle jedoch bewiesen beeindruckend, dass die Umsetzung ihrer „Auftragskunst“ voll gelungen ist.
„Dies ist ja derzeit ein skurriler Trend, beispielsweise im „Dark Tourism“, auf den Spuren von Tod und Zerstörung zu wandeln wie auf denen von Charles Manson in den USA. Um so größer war das Erstaunen, als man daran ging, die Kunstwerke in der Studiogalerie aufzubauen: Das Thema war bravourös umgesetzt worden und es hinterlässt beileibe keinen morbiden und maroden Eindruck“, so Gabriele Röpke.
Mit diesem Auftrag begannen die zahlreichen Besucher der Vernissage, die Faszination der Exponate auf sich wirken und sich Geschichten erzählen zu lassen. Da waren einmal die greifbaren Materialien: Reste alter Latten, wurmstichiges Holz mit Metallbeschlägen, die Rost und Moos angesetzt hatten, Boote, Steine und Stoffüberreste wie bei Christa Stenglins „Fundstücken“ und „Metamorphosen“, Hans-Jürgen Fees‘ experimenteller Fotografie „Lost places“ oder Herbert Brenzingers „Eisensprung“. Andere zeigten das Vergehen in Natur und Tierreich, so Maria Zuck mit „Heuschrecken“, die morbide Häuser überfallen, Irmi Seidls Hommage an R.M.
Rilke mit „Das Fallen ist in allem“ oder Monika Oberkoblers zartem Tanz der „Motten“. Bei Sonja Haugeneders „Memento“ belebt nur eine rote Rose die düstere Mischtechnik. Andreas Biala wiederum webt ein Spinnennetz voller „Morbider Schönheit“ und in Karin Helfers „Motten“ zeigen die Tiere auf, dass Geld ein sehr vergängliches Gut ist. Einen breiten Raum als Motiv nehmen auch Gebäude, Bauwer- ke und Plätze ein, die dem Verfall preisgegeben sind.
Michael Fliegner fotografiert beeindruckend einen verlassenen Bahnsteig, Joe Riedl zeigt realistisch auf, „Wia de Zeit vergeht“, Gerlinde Roth erfasst im Aquarell gekonnt ein verlassenes Steinhaus am Lago Maggiore, Johann Plank fragt mit seinem Turmstumpf: „Da sollen wir wohnen?“ und zeichnerisches Talent beweist Harald Karras mit einer strickenden Trümmerfrau im kleinformatigen Bild „Einen fallen lassen“.
Einen etwas anderen Weg schlägt Timo Duisenberg mit seinem Macro-Art-Foto „Abgeraucht aus einer zerbrochenen Glühbirne“ ein. Noch mehr nachdenklich stimmend Sonja Haugenbergs Text- und Bildstele „Freier Fall“, auf der man zum Beispiel lesen kann: „Ich lebe noch, aber die Liebe ist tot…“ Das Morbide erfasst wortwörtlich und bildhaft in einer recht farbigen Arbeit Gitta Bless, die die Flut von Plastikmüll an- prangert, ebenso wie Silke von Clarmann mit „Das System krankt“: Massenweise verschließt nicht verrottendes Material die Wasseroberfläche.
Besonders nachdenklich stimmend ihre zweite Arbeit, die Buchstabencollage „ICH reicht nicht aus“, wo- wobei das Wort ICH überdeutlich aus den Begriffen ,Rücksicht’ und ,Anstand’ herausgehoben wird. Ein Hingucker gelingt Sabine Lange mit dem Foto eines kraftstrotzenden Manns, rundherum eingewickelt in eine Banderole mit dem sich ständig wiederholenden Schriftzug „Fragile“. „Es sprüht nur so von Einfällen, von Hintergründigem, ja sogar Satirischem. Hier können die Betrachter wirklich das Sehen lernen!“, so Gabriele Röpke abschließend.
Meistercellistin Sabine Libera hatte der Veranstaltung einen besonderen musikali- schen Rahmen gegeben.