Mühldorf –Zunächst auf eine ganz andere Bühne: Von Patrick Süßkind stammt das Stück „der Kontrabass“, meistgespielt in deutschen Theatern. In ihm erzählt ein verbitterter Musiker von der Belanglosigkeit und Austauschbarkeit des Kontrabasses und seines Spielers in der glamourösen Welt des Symphonieorchesters.
Und tatsächlich, wenn man sie so dastehen sieht, rechts hinten, zu zweit oder dritt, bei Wagner und Schostakowitsch auch gerne mal zu siebt oder acht, weit weg vom Rampenlicht des Dirigenten und seiner ersten Geigerin, mag einen Mitleid überkommen, mit denen, die man kaum sieht und noch weniger hört. Zumindest wenn es um virtuose Musikgestaltung geht.
Das änderte sich nicht einmal bei der rampensaugeprägten Erfindung von Rock und Pop. Auch mit dem stromgetriebenen Bass um den Hals verkrochen sich viele Bassisten ins Halbdunkel, nur wenige rückten wie Paul McCartney und Lemmy Kilmister ganz nach vorn ins Rampenlicht. Hintergrundspieler halt, Fundamentgeber, bummbumm, bummbumm, manchmal nicht viel spielfreudiger als die bekannten drei Chinesen aus dem Kinderlied.
Auch Claus Freudenstein ist Kontrabassist. Er unterrichtet kleine und große Bassisten, spielt sich selbst quer durch alle Genres und vertritt schon lange die Auffassung, dass ein Kontrabass mehr kann, als im Hintergrund zu schrammeln. Vor ziemlich genau zehn Jahren zerrte er ihn sogar auf die ganz große Bühne des Great Wide Open-Rockkonzerts in der Mühldorfer Rennbahn, sozusagen als Vorband von Deep Purple, wo mit Ian Glover bekanntlich auch ein Bühnenrandbassist mitmacht. Der Bass habe es verdient, rief Freudenstein damals: „Heute darf er zum ersten Mal vor Publikum Rock spielen.“
Das tut Freudensteins Kontrabass seitdem in schöner Regelmäßigkeit. Er fürchtet sich auch nicht vor jazzigen Tönen oder Filmmusik und ist genreübergreifend jetzt auch auf CD verewigt. Und auf was für einer.
„Unio“ auf Esperanto „Vereinigung“ heißt die mattschwarze Scheibe, auf der er sich zusammen mit neun Kontrabassisten und einer Musikerin aus der ganzen Welt der Rockmusik annimmt. „The Bassmonsters“ nennen sie sich und spielen „Born to be wild“ von Steppenwolf, „Don‘t stop me now“ von Queen, „With or without you“ von U2. Dass Bässe Fundament können, ist klar. Dass sie aber auch zum Soloinstrument taugen, feine Melodien wie in „La Belle Dame sans Regrets“ singen oder komplexe Gitarrensoli wie in Deep Purples „Child in Time“ aus dem voluminösen Körper entlassen, das ist neu, das ist erfrischend und höchst unterhaltsam.
Neben ihrer überlegenen Spielfertigkeit nutzen die Musiker moderne (Rock-)-Studiotechnik. Sie musizieren mal in Quartettbesetzung, mal nacheinander auf verschiedenen Kontinenten, verbunden durch Datenleitungen und Tonmeister.
So viel Spaß kann also Bass-Spiel machen, möchte man dem frustrierten Musiker aus Süßkinds Theaterstück zurufen. Der will übrigens die hübsche Sopranistin beeindrucken, weiß aber nicht wie.
Mit der Musik der Bassmonsters würde ihm das mit so leichter Hand gelingen, wie Freudenstein und Co. in die Saiten gegriffen haben. Eine originelle, witzige, technisch herausragende und musikalisch klasse gemachte CD.