Burghausen – Wie kann ein Komponist noch 1982 ein Glaubensbekenntnis in den Widerspruch zwischen dem Leiden Christi an Karfreitag und dem vielfältigen menschlichen Leid der Gegenwart stellen? Arvo Pärt hat das getan und eine Passionsmusik geschaffen, die in ihrer Schönheit und Schlichtheit tief in die Tragik des göttlichen und menschlichen Lebens führt. „Passio“ heißt sein nur gut einstündiges Werk zur biblischen Leidensgeschichte nach Johannes, das Michael Frohnmeyer an den Beginn der diesjährigen Nachtstücke gestellt hat.
Und wie eine solche Komposition aufführen? Pärt hat einmal gesagt: „Ich habe entdeckt, dass es genügt, wenn ein einziger Ton schön gespielt wird.“ Nur einen Ton schön spielen, schön singen, so wie in der Gregorianik, jener alten kirchlichen Musikform, an die sich Pärt lehnt. Frohnmeyer und seinem Ensemble gelingt es meisterlich, die Schlichtheit und Schönheit der Pärt’schen Musik in die Heilig-Kreuz-Kirche in Burghausen zu bringen. Der Erfinder der Nachtstücke dirigiert zurückhaltend, konzentriert, die Bewegungen so reduziert wie die Musik, er setzt das strenge mathematische Grundkonzept der Musik in Szene.
Frohnmeyer kostet jede Pause aus, lässt Raum für Stille. Bis in die Unerträglichkeit des Leidens hinein dehnt er die letzte Pause, die der einzigen Unisono-Stelle des Werkes folgt, und mit dem die Evangelisten den Tod Jesu verkünden. Bevor der Chor in strahlendem D-Dur und nur an dieser Stelle abseits des Johannestextes den Tod Jesu als Tod für uns erlitten deuten.
Musiker (Ensemble Sæsch, an der Orgel Alexandra Helldorf), Sänger und Chor finden sich fast ansatzlos in diese zurückgenommene Interpretation Frohnmeyers ein, nehmen die Konzentration und Reduktion in ihrem Spiel und Gesang auf. Herausragend Georg Klimbacher, der wegen eines Krankheitsfalls nicht nur den Part des Jesus singt, sondern auch im Viergesang der Evangelisten mitwirkt, zusammen mit Maria Ladurner, Yasuyo Asano und Bernhard Teufl. Im gotischen Gewölbe, in der bis auf den letzten Platz besetzten Heilig-Kreuz-Kirche, entfaltet die karge Musik ihre ganze, schlichte Schönheit.
Lediglich Tenor Aleksander Rewinski entzieht sich die Einfachheit und singt zeitweise in opernhaftem Ton. Damit fällt er nicht nur aus dem Interpretationsrahmen, sondern stellt das Schicksal des Individuums über die Allgemeingültigkeit der Leidensgeschichte aller, die Pärt schon im Titel kundtut. „Passio“, heißt seine Musik allgemein, sie wird nicht allein dem Gottessohn zugeschrieben. Pärt nimmt ins „ecce homo“ des Johannesevangeliums, ins „siehe, der Mensch“ das „siehe, die Menschen“ hi-nein. Er erinnert im Kreuz Christi an das Leiden aller, er macht die „Passio“ zum Symbol für die Universalität des Leids, konzentriert in einem besonderen Menschen. So erhält jeder Anteil am Karfreitag, am Tag des Leidens Christi – und damit Anteil an der Auferstehung des Gottessohns am Osterfest.