Jugendwahn? Der war gestern

von Redaktion

Sissi Perlinger gibt Tipps für ein entspanntes Älterwerden – und rockt den Stadtsaal

Mühldorf – Tiefsinniger Humor, schrille Kostüme und eine spektakuläre Choreografie – dafür ist Sissi Perlinger bekannt. Und genau das brachte die Kult-Kabarettistin in ihrer One-Woman-Show im Stadtsaal Mühldorf mitreißend auf die Bühne, verpackt in ihrem aktuellen Programm „Ich bleib dann mal jung“.

Hemmungslos gelacht hat das Publikum an diesem Kabarett-Abend der Extraklasse. Sissi Perlinger erhebt das Älterwerden zur Kunstform und nimmt dabei den Jugendwahn aufs Korn. In einem fulminanten Wechsel von einer schillernden Figur zur nächsten gab es für Langeweile keinen Augenblick Zeit, Perlinger sorgte selbst, begleitet an Schlagzeug, Gitarre oder Trommel, sowie mit schwungvollen Tanzeinlagen für Abwechslung.

Zum Warmwerden startete Sissi Perlinger mit einer ihrer Parade-Figuren: Die muntere Omi, die schrille Flower-Power-Rentnerin mit Berliner Schnauze, die ihren dritten Frühling in einer Alters-WG in vollen Zügen genießt und mit Tantra-Sex ihr Liebesleben aufpeppt: Arthrose oder Gicht im Anmarsch? Von wegen! Rückenschmerzen, die bekomme man höchstens von der falschen Stellung beim Sex. Und überhaupt, es komme einfach auf die Klamotten und das Schminken an. Beige? Das war gestern. Für die besten Jahre lautet das Motto: „nicht kleckern, sondern klotzen!“ Schließlich gehe ab einem gewissen Alter die Kosmetik nahtlos in den Baumarkt über. Spätestens jetzt gab es kein Halten mehr im Publikum.

Aber es war nicht nur die unvergleichliche Gag-Dichte, die an dem Abend für Begeisterungsstürme sorgte. Perlinger schaffte es aufs Neue, ihr Programm auf philosophischen Tiefgang zu bringen und mit ihren humoristisch verpackten Ideen über die Welt die Zuschauer zum Grübeln anzuregen.

Warum geben Frauen jährlich zig Milliarden Euro für Anti-Aging-Produkte aus und legen sich mitunter sogar unters Messer, nur um dann – wenn sie Pech haben – mit Lippen, die wie ein aufgepumpter Schlauch aussehen, herumzulaufen? Aber auch die Männer bekamen ihr Fett weg: Haben die denn heutzutage vor dominanten Frauen Angst, gerade dann, wenn diese im Alter immer mehr in ihre Kraft kommen? Und bei alledem nahm Sissi Perlinger ihr Publikum mit, ging in den Dialog. Schließlich gehe es darum, Freundschaften zu pflegen, sich zu treffen, miteinander zu reden – gerade im Alter. Denn: „Was du ausstrahlst, ziehst du auch an!“

Wie man es nicht machen soll, auch das führte Verwandlungskünstlerin Sissi Perlinger ihrem Publikum vor. Und zwar in Gestalt einer skurrilen und grantigen älteren Dame aus dem schönen Bayernland, die gern mal „eine Halbe“ runterkippt und über die „Saubazis“ in der Politik schimpft: Ins Altersheim gehen bei der Fließbandabfertigung dort? Na dann schon lieber in den Knast! Oder: Einfach mal den Schalter umlegen und die Festplatte „entmüllen“. Wenn es im Aller hier und dort mal „knacken“ sollte: „dann ist man halt knackig!“ Und wie der Körper zum Percussion-Instrument wird, das hat Perlinger bei der Gelegenheit auch vorgeführt. Wenn Gevatter Tod dann irgendwann mal an die Tür klopfen sollte – warum nicht für Freunde und Familie eine lustige Party zur Beerdigung organisieren? Schließlich gehe im nächsten Leben die Party gerade so weiter. Mit dem tröstlichen Gedanken an Reinkarnation und daran, dass wir Menschen in vielen verschiedenen Leben immer wieder neu starten können, schloss Perlinger ihren Ritt um die Stolpersteine und Tücken des Älterwerdens herum. Standing Ovations bekam sie dafür vom begeisterten Publikum, das die Kult-Diva mit ihrem Fünf-Sterne-Programm gut gelaunt und vor allem beseelt von der Vorfreude auf einen schwungvollen dritten Frühling nach Hause schickte.

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