Mühldorf – Voll besetzt und ungewohnt in Reihenbestuhlung las die Schauspielerin Suzanne von Borsody im Haberkasten aus Briefen und Tagebüchern der mexikanischen Malerin Frida Kahlo, ergänzt um wenige Erläuterungen.
Mit humorvollen Akzenten bringt von Borsody das Publikum zum Lachen und muss manches Mal auch mitschmunzeln: Das Paar des fülligen Diego Rivera und die zierliche Kahlo bezeichneten Zeitgenossen als „die Taube und der Elefant“.
Schauspielerin wie Malerin nehmen kein Blatt vor den Mund: Kahlo bezeichnet bekannte Künstler ihrer Zeit wie Pablo Picasso als Surrealistenärsche, findet in Paris alles beschissen und zum Kotzen. Wer glaubte, lediglich einer einfachen Lesung mit etwas mehr Mimik und Gestik zu folgen, irrte sich spätestens nach der Pause: Denn schließlich betrinkt sich von Borsody alias Kahlo, lallt vor sich hin und schlägt sich, das naive Dummchen – wie sich Kahlo gelegentlich beschreibt –, vor den Kopf ob ihrer Naivität und Blödheit.
Immer wieder einmal spielt im Hintergrund eine Bassgeige, eine Gitarre, eine Trommel oder ein Vibrafon. Stets im Einklang mit dem Text, der Betonung und gar einzelner Worte. Von Borsody arbeitet mit dem Trio Azul zusammen. Die drei Männer spielen lateinamerikanische Musik á la Buena Vista Social Club und deuten ihr vielfältiges Talent an diesem späten Nachmittag lediglich an. Denn nur wenige Stücke präsentieren sie. Sie bleiben im Hintergrund, ergänzen mit ihren Klängen die Texte.
Auch hier zeigen sich Unterschiede zu einer üblichen Lesung, bei der sich Musik und Literatur oft in Waage halten. Frida Kahlo dominiert den Abend. Werke, meist Selbstporträts, und Fotografien strahlt ein Beamer an eine Leinwand. Sie verdeutlichen das Leben der Künstlerin: Die Frau, die inbrünstig liebte und um Liebe flehte. Die Frau, die nach einem Verkehrsunfall lange Zeiten ans Bett gefesselt war. Die Frau, die mehrere Fehlgeburten erlitt.
Nun verstehen die Betrachter genauer die Komposition der Bilder mit brutal sowie liebevoll gestalteten Elementen: Dem Körper entrissene Herzen, Embryos außerhalb des Mutterleibs, durchschnittene Hälse bei gleichzeitig farbenfrohen Blumenarrangements. Leider kann nicht jeder Gast die Bilder komplett sehen. Dennoch: Es bleibt der Eindruck einer starken Frau, stets von ihren Emotionen getragen, zwischen Leiden und Liebe hin- und hergeschleudert.
Der Wunsch nach einem Ausstellungsbesuch mit Werken von Frida Kahlo ist da, der Wunsch nach einem weiteren Abend mit von Borsody, der Wunsch nach einem kompletten Konzert mit dem Trio Azul und der Wunsch nach einem Besuch des Blauen Hauses, das Geburtshaus der Malerin in Mexiko.