Der Pfarrer ist ein Pharisäer

von Redaktion

Hinter den Kulissen: Die letzten Proben für die Passionsspiele Erl haben begonnen

Erl – Der Esel ist nicht störrisch oder bockig, sondern ganz diszipliniert beim Einzug von Jesus in Jerusalem. Genauso diszipliniert wie die rund 500 Laiendarsteller, die bei den Passionsspielen Erl mitmachen. Das ist ein gutes Drittel der gesamten Einwohnerschaft in Erl, ob als Mitglied des Hohen Rats, als Veronika, die Jesus das Schweißtuch reicht, als römischer Soldat, als Chorsänger oder Harfenist im Orchester, als Garderobiere oder Passionsfeuerwehrmann. Gefühlt wirkt also jede Erler Familie bei den Passionsspielen mit, die seit dem Jahre 1613 bezeugt und damit die ältesten Passionsspiele im deutschsprachigen Raum sind. Alle sechs Jahre versammeln sich die Erler in dem 1959 erbauten hochmodernen Passionsspielhaus, um Christi Leidensgeschichte dramatisch darzustellen und sie mitzuerleben.

Die Proben haben schon viel eher begonnen, jetzt finden die vier letzten Durchläufe statt, die Hauptproben und die Generalprobe. Alle sitzen schon im Kostüm im Zuschauerraum oder stehen plaudernd auf der Bühne – die Männer mit ungeschnittenen Haaren und Bart, die Frauen in langen Leinengewändern. Die Kinder turnen über die Bänke. Aber auf ein Wort des Regisseurs nehmen sofort alle ihren Platz ein, auch der Ortspfarrer, der ironischerweise einen Pharisäer spielt.

Für die Jubiläumsspiele 2013 hatte Felix Mitterer einen neuen Text geschrieben und Wolfram Wagner eine herbe Musik komponiert, Markus Plattner hat die Regie übernommen. Macht er diesmal etwas anders? „Anders ist es deswegen schon, weil es heute anders ist als damals“, sagt Plattner. „Die Menschen, die dort oben spielen, sind ja auch nicht mehr die, die sie damals waren. Dadurch hat das Stück ja schon eine andere Dynamik bekommen. Das Konzept ist im Groben dasselbe, aber es ist viel, viel facettenreicher, psychologischer, substanzieller.“

„Dynamik“ ist auch das Stichwort, das der Regisseur den Darstellern als Impuls gibt: „Das Wichtigste ist: Dynamik! Lebendig sein!“ Und er fordert: „Ihr müsst immer wieder einen neuen Rhythmus finden! Sonst werd des a Predigt.“

Und schon formieren sich die vielen Darsteller zu immer neuen Gruppenbildern: Beim Einzug von Jesus in Jerusalem bilden sie einen überdimensionalen Palmzweig, die Geldwechsler rasseln mit ihren Geldsäckchen, die Hohenpriester umringen, ja umzingeln Jesus und beim Abendmahl senken sich die großen kosmischen Scheiben vom Bühnenhimmel, Jesus steht inmitten des inneren Kreises, in weiteren konzentrischen Kreisen gruppieren sich die Apostel, Freunde Jesu und dann – in moderner Kleidung – Menschen aus der ganzen Welt um Jesus: ein tief beeindruckendes Bild.

Markus Plattner lässt das Spiel ablaufen, ohne deutlich einzugreifen, man merkt, wie gut alles einstudiert, wie gut alles vorbereitet ist und wie gut sich die Spieler selber vorbereitet haben: Für sie ist es ein Herzensanliegen, kein bloßes Spiel. Einmal lässt der
Regisseur den Barabbas etwas weiter zurücktreten, manchmal reagieren die lautunterstützenden Mikrofone nicht gleich, aber das Zusammenwirken von Spiel, Orchestermusik, Chorgesang und Lichtgestaltung klappt hervorragend.

Für Jesus gibt es eine Doppelbesetzung und damit auch eine Doppelbesetzung für weitere acht Figuren, die eng mit Jesus zusammenhängen. Jesus heißt in Erl Erwin Kronthaler und Florian Harlander, beide haben ihn schon öfter gespielt. Sie wechseln sich ab, jedes Wochenende spielt ein anderer. Bei den Proben sind immer alle beide da. „Wir korrigieren uns gegenseitig“, sagt Kronthaler, „man lernt ja dazu, wenn man dem andern zuschaut.“ Wie hoch ist die seelische Belastung beim Spiel? „Man ist nicht nur seelisch, sondern auch körperlich ausgeleert nach einem Spiel, das geht schon auf die Substanz“, bekennt Kronthaler, „aber wir pushen uns gegenseitig immer wieder auf.“ Bei dem Passionsspiel gibt es ja keinen Beifall: Spürt man trotzdem beim Publikum Zustimmung, Energiezufluss? „Ja, das g’spürt man schon während des Spiels“, meint Harlander, „und nachher – also die Zuschauer halten’s eigentlich ned aus ohne Beifall, weil’s oft herausbricht am Schluss, da is teilweise schon g‘jubelt wordn.“ Und Kronthaler ergänzt: „Es is ja fantastisch, wenn am Schluss ‚Großer Gott, wir loben Dich‘ g‘sungen wird und das Publikum auch noch mitsingt.“ Und vom Regisseur bekommen sie beide viel Freiheit, sagt Harlander, „wir dürfen viel in die Rolle mitreininterpretieren.“ Darf jeder der beiden seine eigene Persönlichkeit ausdrücken? Kronthaler betont: „Jeder von uns hat seine eigene Inszenierung, Jesus ist ja wohl in jedem drinnen.“

Bei dieser Hauptprobe ist Florian Harlander Jesus, er ist ein temperamentvoller, kraftvoller, im Umgang mit Kindern und den Frauen aber auch zärtlicher Jesus. Bei der Premiere wird Jesus dann Erwin Kronthaler sein. Und es wird viel Dynamik geben und es wird lebendig sein.

Premiere am 26. Mai

Premiere ist am Sonntag, 26. Mai, um 13 Uhr, Spieldauer rund drei Stunden. Gespielt wird bis zum Oktober jeweils an den Samstagen und Sonntagen. Karten gibt es unter www.passionsspiele.at oder unter Telefon 0043/5373/8139.

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