Altötting – Joseph Haydn war bei seinem zweiten London-Aufenthalt in den Besitz eines unvertonten Librettos über die Schöpfung gekommen – verfasst von einem gewissen Lidley oder Linley und von grandioser Länge. Als er wieder in Wien war, ging Haydn damit zu dem in solchen Sachen erfahrenen Gottfried Freiherr van Swieten und bat ihn um Folgendes: „Schenken Sie mit Ihrem Talente dem breitspurigen Werke des geschwätzigen Engländers die nötige knappe gedankenschwere Form, fassen Sie Gottes Schaffen im engen Rahmen zusammen, geben Sie mir Bilder und nicht leere Worte: und ich verspreche Ihnen dazu eine Musik, die den Haydn ehrt und mehr noch den erhabenen Stoff!“
So schildert es Franz von Seeburg – hinter ihm verbarg sich der katholische Priester Franz Xaver Hacker – in seinem schönen Haydn-Roman von 1882, in dem auch überliefert wird, was Haydn tat, bevor er an die Vertonung des von Swieten eingerichteten Textbuches ging. Er kniete sich in seinem Arbeitszimmer auf den Estrich und betete: „Herr! Nimm es nicht als Vermessenheit von mir auf, dass ich mich unterfange, deine Allmacht zu besingen! Ich tue es zu deiner Ehre, und da kannst und darfst du mir deinen Segen nicht versagen. Amen.“
Dieser dringlichen Bitte konnte und wollte der Herr nicht widerstehen, und der Erfolg des Werkes gab seiner Nachgiebigkeit mehr als recht. Wie sehr Haydns Freunde, insbesondere wiederum Swieten und dessen noble „Gesellschaft der associierten Cavaliers“, das eben entstandene Oratorium schätzten, beweist die Tatsache, dass sie für die Aufführungskosten und Haydns Honorar von 500 Dukaten geradestanden, ein Honorar, wie es in dieser Höhe kein Komponist vor ihm erhalten hatte. Die Uraufführung am 29. April 1798 war eine geschlossene Veranstaltung im Wiener Palais des Fürsten Schwarzenberg am Neuen Markt, die erste öffentliche Aufführung fand ein Jahr später, am 19. März 1799, also Haydns Namenstag, im alten Burgtheater statt.
Selten wurde eine Tondichtung so begeistert aufgenommen wie diese. „Die Musik“, schrieb Friedrich Joseph Freiherr von Retzer im Neuen Teutschen Merkur, „hat eine Kraft der Darstellung, welche alle Vorstellung übertrifft; man wird hingerissen, sieht der Elemente Sturm, sieht es Licht werden, die gefallenen Geister tief in den Abgrund sinken, zittert beim Rollen des Donners, stimmt mit in den Feiergesang der himmlischen Bewohner ein.“
Der Altöttinger Bach-Chor, der die „Schöpfung“ am morgigen Sonntag, 2. Juni, in der Stiftspfarrkirche musiziert, kann naturgemäß keine Monumentalaufführung anbieten. Zwar hat Haydn selbst gesagt, seine Komposition sei „gros geschrieben“ und werde daher auch nur in großer Besetzung „ihr Glück und den gehörigen Effekt machen“. Es ist aber belegt, dass es im Lauf der Geschichte sowohl minimal als auch riesig besetzte Aufführungen gegeben hat, die allesamt ihr Glück machten. Die Darbietung des Bach-Chors findet im Rahmen des „Musiksommers zwischen Inn und Salzach“ statt. Unter der Leitung von Susanna Mette spielt ein sehr junges Orchester, nämlich die aus dem Rosenheimer Ignaz-Günther-Gymnasium rekrutierten und um Profis erweiterten „Ignaz-Philharmoniker Rosenheim“. Als Solisten sind Anna Bachleitner (Sopran), Franz Krähschütz (Tenor) und Hans-Joachim Bernhard (Bass) zu hören.
Das Konzert beginnt um 16 Uhr. Karten gibt es im Vorverkauf bei Inn-Salzach-Ticket.
Hermann Unterstöger