Mühldorf – In einem über dreistündigen Vortrag hat Hagen Rether zum Nachdenken über die deutsche Lebensweise aufgerufen. Geduldig, amüsiert, interessiert – und eventuell auch gelangweilt – hat sich das Publikum im voll besetzten Mühldorfer Stadtsaal dies angehört.
Schreibtischstuhl, Flügel und drei Bananen – mehr braucht Hagen Rether nicht, um seinen Vortrag zu stützen. Anders als andere Kabarettisten brüllt er sich nicht in Rage, um seine Aussagen zu bekräftigen. Seine Masche ist ein mit angefressenem Gesicht gehaltener, nahezu fader Vortrag über die Behäbigkeit des übersatten Deutschen.
Rether lässt sich Zeit bis er auftritt. Beginnt damit, meditativ die Freiheit zu genießen. Er atmet ein. Und er atmet aus. Fordert seine Gäste zum Mitmachen auf: Es solle mit dem Steiß lächeln. Doch Rethers Botschaft ist nicht belanglos. Rether verlangt von seinem Publikum, über seinen Lebenswandel zu überdenken. Es solle die Welt retten, niemand anderes würde dies tun. Der Künstler hält lange Ausschweifungen über Politik, Kirche und Gesellschaft. Schließlich verkehrt er alles ins Gegenteil, um mit einem Sprachwitz zu enden. Dabei erinnert Rether an den vermeintlichen Völkermord in Stuttgart, die arbeitenden Kinder in den Diamantenminen Düsseldorfs für reiche Leute aus Sierra Leone und die nahezu ausgerotteten Elefanten im Bayerischen Wald. Die ausführliche Szene eines vollgefressenen Thailänders, der sich auf Sylt von „unseren deutschen Töchtern“ den Bauch einreiben lässt, regt schließlich auch den Letzten zum Nachdenken an. Stets gespannt lauscht das Publikum dem Künstler, applaudiert zustimmend und lacht. Es fühlt sich ertappt oder der Witz gefällt.
Immer wieder fragt Rether nach, mit welchen Wertmaßstäben die Gesellschaft urteilt, sich mehr oder weniger aufregt: Über vergewaltigende Flüchtlinge, schlagende Ehemänner und Familienväter sowie Zwangsprostitution, über Steuern vermeidende Unternehmen wie Amazon und Starbucks, aber die Narrenfreiheit der Fußballmillionäre. Und Rether wundert sich, wieso Rechtsextreme nicht per Plakat gesucht werden wie einst RAF-Mitglieder. Auch wenn es Rether nicht darum geht, die RAF herunterzuspielen, oder Vergewaltigung zu verharmlosen, lässt sich dieser Eindruck bei den Gästen nicht immer vermeiden. Doch ganz klar bezieht der Kabarettist Stellung gegen Neoliberalismus und Rechtsextremismus. Er steht für Grün und Links, lobt Greta Thunberg. Diesen Standpunkt relativiert Rether in keinem Scherz. Schließlich spielt er noch Klavier für seine Gäste. Er improvisiert. Kommt von Bach zur Sendung mit der Maus und verteilt seine drei Bananen. Einige Zuschauer verlassen während des Applauses den Saal. Eine Zugabe wird nicht verlangt. Lang war der Vortrag. Aber vielleicht waren sie auch zu sehr getroffen – die Fleischliebhaber, Flugreisenden und SUV-Fahrer.