Z wei Milliarden für einen Kopf

von Redaktion

Wasserburger Theatertage Unterhaltsame Dürrenmatt-Inszenierung

Wasserburg – Mit einer skurrilen Inszenierung des Rachedramas „Der Besuch der alten Dame“ begeisterte das Theaters Plan B Straubing in Zusammenarbeit mit dem Kollektiv „sprech&schwefel“. Erzählt wurde Dürrenmatts Tragikomödie aus der Perspektive dreier Honoratioren, die wie ihre ganze Stadt durch den Mord an einem ihrer Mitbürger profitiert haben.

Der ehemalige Bürgermeister, der frühere Pfarrer und der pensionierte Polizist der fiktiven Kleinstadt Güllen haben sich in eine Luxus-Seniorenresidenz zurückgezogen. Dort halten sie selbstgefällig Rückschau auf eine Reihe denkwürdiger Ereignisse, die den Bewohnern ihrer heruntergekommenen Stadt neuen Wohlstand bescherte, allen bis auf einen, der als Preis dafür sein Leben lassen musste.

Jahre zuvor nagt Güllen am Hungertuch. Die Stadt ist finanziell ruiniert. Die Bewohner sind hochverschuldet und größtenteils arbeitslos. Doch Rettung ist in Sicht. Die Milliardärin Claire Zachanassian kehrt nach Güllen zurück. Aber sie hat bittere Erinnerungen an ihre Heimatstadt, aus der sie einst mit Schimpf und Schande davon gejagt wurde. Mit ihrem Geld hat sie heimlich mittlerweile alle Fabriken im Ort aufgekauft und verkommen lassen. Die Güllener jedoch haben die damaligen Ereignisse längst verdrängt und hoffen auf Claires Wohltätigkeit. Und tatsächlich stellt ihnen Claire die unglaubliche Summe von zwei Milliarden in Aussicht.

Doch der Preis dafür ist hoch. Sie verlangt als Gegenleistung, dass jemand Alfred Ill tötet. Ihr einstiger Liebhaber ist heute ein angesehener Güllener Bürger. Ill hatte vor über vier Jahrzehnten die Vaterschaft an ihrem Kind geleugnet, zwei Zeugen bestochen und damit Claire ins Unglück getrieben. Das Kind starb. Claire aber landete in einem Bordell, bis sie durch mehrere Ehen immer reicher wurde.

Andreas Wiedermann inszenierte die schwarzhumorige Parabel, in der Gemeinwohl und moralische Verwerfungen miteinander kollidieren, in faszinierender Einfachheit. Ihm reichten drei Personen, allesamt akademisch ausgebildete Sprecher, um Dürrenmatts Botschaft über die Macht des Geldes eindringlich vor Augen zu führen: Wenn die Summe stimmt und sich eine moralische Rechtfertigung zurechtbasteln lässt, können selbst biedere Bürger zu Mördern werden. Auch die honorigsten Bürger der Stadt lassen daran keinen Zweifel. Clemens Nicol als Bürgermeister, Urs Klebe als Polizist und Götz Schneyder, am Priesterkragen als Pfarrer erkennbar, profitieren ebenso wie alle anderen von Ills Ermordung.

Noch im Alter sind sie von der moralischen Richtigkeit ihres Handels überzeugt. Im Rollstuhl sitzend spielen die Honoratioren die Ereignisse noch einmal nach. Dabei tauschen sie immer wieder die Rollen mit weiteren Personen im Stück, was am Klang und Melodie der Sprache sofort erkennbar ist. Für die Rolle der Claire Zachanassian reichten Sonnenbrille und Perücke. Nur Alfred Ill ist als eigene Figur personell besetzt, allerdings mit einer lebensgroßen Handpuppe, die zwischen den drei hervorragenden Schauspielern immer wieder hin- und hergereicht wird.

Zunächst lehnen die Güllener das unmoralische Angebot empört und entschieden ab. Doch die Verlockung auf einen neuen Wohlstand ist einfach zu groß. Alfred Ill wird auf der Bürgersammlung getötet, als im Saal des Gasthauses zum Goldenen Apostel das Licht ausgeht. Scheck und Leiche wechseln jeweils die Besitzer. Ganz Güllen aber ist zufrieden – und um zwei Milliarden reicher.

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