„Ich mag es nicht, still zu stehen…“

von Redaktion

Interview Delroy Rennalls von LayZee aka Mr. President übers Lebensgefühl der 90er

Mühldorf – Es ist seit ein paar Jahren eine der größeren Nostalgie-Wellen, auf der grelle Neonfarben, Buffalo-Stiefel oder Inline-Skater und Haarschleifen – Blümchen lässt grüßen! – reiten: Die 90er-Jahre sind zurück und feiern eine einzige große Party. Auch der Raiffeisen Kultursommer holt das bunte und laute Lebensgefühl von damals nach Mühldorf. Und das im überdimensionalen Rahmen der größten 90er-Tour weltweit 2019. Von Haddaway bis Blümchen werden am Samstag, 22. Juni, ab 13 Uhr zahlreiche Eurodance-Ikonen auf dem Rennbahngelände bei einem Open-Air-Spektakel ab 15 Uhr zu sehen sein. Dabei fehlen darf einer nicht: Delroy Rennalls, das Gesicht von Mr. President, der heute unter dem Künstlernamen LayZee wieder nationale und internationale Erfolge feiert.

Sie sind mit anderen Größen von damals unterwegs. Ein Déjà-vu?

Für uns ist das Ganze backstage wie ein großes Klassentreffen. Über die Jahre haben wir uns ziemlich gut kennengelernt. Ich freue mich, alte Gesichter wiederzusehen, aber auch über neue Bekanntschaften.

Sie hatten Mitte der 90er Jahre große Charterfolge mit Mr. President, für die es eine Vielzahl an Preisen gab. Coco Jambo ist wohl jedermann im Ohr. Springt auch heute noch der Funken beim Publikum über?

Auf jeden Fall! Bei uns ist Coco Jambo der Song, der nie gestorben ist. Jedes Mal, wenn wir den Song bringen, singen nicht nur die Erwachsenen mit, sondern auch kleine Kinder, und das erstaunt mich immer wieder aufs Neue.

Hat Coco Jambo also eine Generation übersprungen?

Ich glaube, gerade dieser Song bringt mehrere Generationen zusammen. Denn nicht nur die ältere Generation tanzt und singt dabei mit; wir haben auch die Teenies und die ganz Kleinen, die ganz junge Generation sozusagen, die das Lied gut finden. Für mich ist das ein sehr großes Wow!

Sind Sie mit Ihren alten Bandkollegen auf Tour?

Nein. T-Seven (Judith Buthmann, Anm. der Redaktion) – also die Sängerin der ersten Stunde – hat sich Anfang 2000 von uns verabschiedet. Wir haben mit Ersatzsängerinnen noch ein paar Jahre weitergemacht und uns schließlich Anfang 2005 aufgelöst. Den Kontakt mit Judith habe ich nie abreißen lassen. Mit Danii (Lady Danii alias Daniela Haak, Anm. der Redaktion) war die Verbindung nicht so fest. Irgendwie verpassen wir uns immer.

Geboren wurden Sie in Birmingham. Wie hat es Sie damals zu Mr. President nach Bremen verschlagen?

Oh, das war ein sehr, sehr langer Weg. Ich kam als Tänzer aus Birmingham und habe eine Tour durch Deutschland gemacht. Nach ein paar Jahren kamen mein Bruder und ich auf die Idee, ein bisschen mehr in Richtung Musik zu gehen. Wir waren als DJs unterwegs und haben sogar eine Band gegründet: Fresh and Fly. Dabei habe ich mir als DJ und Rapper einen Namen gemacht und war bei vielen Projekten mit im Boot, bis schließlich die Jungs von Mr. President auf mich zukamen, ob ich nicht für sie rappen möchte… Deren Rapper war abgesprungen und das war mein Einstieg sozusagen.

Wo sehen Sie heute Ihren Lebensmittelpunkt?

Mein Leben ist immer noch die Musik. Ich mache eigentlich nichts anderes. Ich mache mein eigenes Management, ich bin Songwriter, ich produziere immer noch. Ich versuche alles selbst im Griff zu haben – und es macht auch Spaß. Das ist das Wichtigste.

Die 90er-Jahre sind gerade wieder so richtig „in“. Ist das quietsch-bunte Lebensgefühl der Zeit ein Bedürfnis, dem die Menschen heute nachhängen? Wie erklären
Sie sich diese Nostalgie-Welle?

Ich glaube, das hat mit „guten Zeiten“ zu tun. Es war eine Generation, für die sich sehr viel in kurzer Zeit geändert hat. Es gab plötzlich die CD, das war ganz neu. Genauso wie andere neue Musikmedien, Playstation und so weiter. Die ganze Welt hat sich eigentlich verändert. Die Welt war analog – und ging dann auf digital. Und genau in diese Zeit hinein fiel diese neue Musikrichtung, die die Veränderung irgendwie unterstützt hat. Auf der politischen Ebene ist auch viel passiert. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gab es die Russische Föderation, die sich dann auch aufgelöst hat. Osteuropäische Länder kamen zu uns nach Europa und viele Menschen wurden zum ersten Mal mit der Musik hier konfrontiert. Und die fanden das ganz toll. Das war auch ein Grund, warum sich die Musik der 90er-Jahre ziemlich lang halten konnte.

Seit 2012 sind Sie als LayZee wieder sehr erfolgreich on tour. Und das mit Klassikern von damals und einer neuen Sängerin mit im Gepäck?

Ja, eine neue Sängerin, die ursprünglich aus Ungarn kommt, begleitet mich. Eigentlich bin ich bereits seit 2006 musikalisch unterwegs. Aber einen Durchbruch gab es tatsächlich erst 2011/2012, als die 90er-Jahre-Welle so richtig ins Rollen gekommen war. Und das vor allem in Osteuropa; bis zum heutigen Tag ist das so. Und es ist für mich erstaunlich, wie es besonders in diesem Teil Europas weiter wächst. Immer noch.

Die Songs bereiten Sie aber nicht eins zu eins auf, sondern dem Zeitgeschmack angepasst?

Also die neuen Songs sind schon dem Zeitgeschmack angepasst, sie sind aber von ihrer Struktur her immer noch in den 90ern verhaftet. Wir wollen uns noch nicht vom 90er-Feeling weg bewegen. Die Leute sollen sich in der Musik wiederfinden, gleichzeitig möchten wir aber auch die neue Generation mit einbinden. In unserem Musik-Programm gibt es keinen Bruch. Das Publikum versteht das schon.

Herr Rennalls, ist es heute eigentlich einfacher, sich auf dem Musikmarkt durchzusetzen?

Ganz im Gegenteil, es ist wesentlich schwieriger geworden. Es gibt ja nicht mehr diesen normalen Platten- oder CD-Markt. Man muss sich anpassen. Social-Media-Content ist nur ein Stichwort. Für mich als „alten Hasen“ ist es nicht so leicht, auf dem Level zu interagieren. Die Jungen wissen sehr gut, worum es dabei geht. Ich sitze immer noch in meinem alten Tonstudio. Meine Musik einfach zu „releasen“ und dann läuft es automatisch – das ist nicht mehr der Weg.

Wie sehen Ihre Pläne nach dieser 90er-Live- Tour aus?

Ich bin gerade dabei, an einem neuen Album zu arbeiten. Das kommt nach der Tour auf den Markt. Und gleich danach gehe ich wieder an das nächste Album heran. Ich will nicht stehenbleiben, ich möchte immer in Bewegung sein. Und dann wird es in eine neue Musikrichtung gehen. Aber die
90er-Jahre werden auch dann nicht untergehen. An der nächsten Tour wird auch schon geplant.

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