Mühldorf – Mama Bavaria humpelt. Weh getan hat sie sich am Fuß, der dick bandagiert ist. Was sie nicht daran hindert, ihre geliebten Kinder zu besuchen, auch in Mühldorf beim Sommerfestival im Haberkasten-Innenhof. Ihrer Rolle, ihrer fünften Inkarnation der Mama Bavaria, bleibt Luise Kinseher dabei treu: Die Mama, die liebevoll auf ihre Kinder schaut, was diese allerdings nicht vor erzieherischen Schlägen bewahrt. Die bekommen, wie vom Nockherberg bekannt, vor allem ihre Problemsöhne ab, der Markus, der Horst, der Hubert. Aber auch die Besucher in Mühldorf, deren politische Bedeutungslosigkeit sie quält, die gefangen sind in einer Stadt, die einen nicht mit Sehenswürdigkeiten erschlägt, oder die auf der B12 im Stau stecken, bis sie zu Feinstaub zerfallen. Wer zu spät kommt, ist genauso dran, wie der Dachdecker, der kein Dachdecker sein will, sondern einer, der „im Bau“ tätig ist, der Qualitätsbedachungen herstellt.
Die mütterlichen Erziehungsmaßnahmen dienen einzig einem Zweck: Bayern zu erhalten. Ein Bayern, das die Mama so liebt, das um seine vielfältigen kulturellen Wurzeln weiß, um die Menschen verschiedener Herkunft und Prägung, um die besondere Mischung aus Geschichte und Gegenwart, um Weltoffenheit. Sie fürchtet, dass dieses Bayern zerfällt. Nicht, weil unterschiedliche Herkunft die Menschen spaltet: Der Streit um den Ingwer am Schweinsbraten bedroht seit Schuhbecks Rezeptanschlag am Münchner Rathaus die Einheit. Dagegen witzelt die Mama zweieinhalb Stunden an, wird tiefgründig und kalauert, verliert manchmal sich und den Faden, so dass das Programm Längen bekommt, haut viele klasse Gags raus, bezieht Securitymänner und Duisburger aus dem Publikum ein und erklärt den ganzen Freistaat zu einem Wirtshaus, mit ihr als Wirtin. Rund um die Uhr warme Küche, kein Ruhetag. Das ist ihr Programm.
Am Anfang ist sie eine andere, Helga Freese aus dem Ruhrgebiet, die so gerne nach Bayern reist, weil es wie Ausland ist, nur dass die Stecker passen. Ein Gedanke, der sich durchs Programm zieht: Anders als durch das ewige „mia san mia“, anders als das CSU-Bayern, anders als plattes Heimatgerede oder dummer Patriotismus bewahrt ihr Bayern tatsächlich die Liberalitas Bavariae. Dass die Kinder aus Preußen oder Österreich dabei auch manche mütterliche Watschn einstecken müssen, versteht sich von selbst.
Aber sie gehören für die Mama dazu, sie alle müssen sich mischen und paaren, denn Bayern überlebt nicht mit der Reise der Bavaria one ins All, nicht durch Aufnahmestopps oder rote Ampeln an der Grenze, sondern allein durch „viele Nationen und verschiedene Menschen“.
Am Ende fasst sie alles in einem herrlich absurden Lied zusammen. Als „Reinkarnation eines Masskrugs“, schwer berauschter Zwilling der Bavaria, fusioniert sie chinesische und bayerische Kultur, wird aus Qigong ein Schuhplattler und aus bayerischem Liedgut chinesisch-piepsender Gesang – absolut beleichelend und ein helvollagendes Ploglamm füls bayelische Übelleben. „Die Bayern sind in ihrem Herzen Kosmopoliten“, sagte Luise Kinseher einmal. „Sie wissen es nur nicht mehr.“