So viel Liebe

von Redaktion

Tolle Musik, große Worte: Rea Garvey lässt sich in Tüßling von 7000 Besuchern feiern

Tüßling –80 Prozent Regenwahrscheinlichkeit, tagsüber eine Unwetterwarnung für Südostbayern. Nach dem Kaiser-Wetter am Donnerstag sah es für den zweiten Raiffeisen-Kultursommerabend in Tüßling am Samstag eher düster aus. Doch dann werden sämtliche Befürchtungen, das Konzert könne in einem Unwetter-Desaster enden wie einst bei Cro, einfach weggesungen.

Zunächst von Ryan Sheridan, der zusammen mit Schlagwerker Ronan Nolan auch die letzten Regentropfen aus dem Schlosspark vertreibt. Ein tolles Aufwärmprogramm; perfekt, um sich warmzuklatschen. Und mit das Beste, was Tüßling in Sachen Support-Act in den letzten Jahren zu bieten hatte. Am Ende bekommen der Ire Sheridan und sein charismatischer Percussionist das, was sie verdienen: viel Applaus und Sonnenschein.

So entsteht eine Atmosphäre wie gemacht für Rea Garvey, den Musiker, den Entertainer, den Mann der großen Gesten. Überhaupt: Der 46-Jährige taugt für jedes Format. Garvey passt ins Radio, passt ins TV, passt auf große Bühnen. 7000 feiern ihn und seine Musik vom ersten Song an („Kiss me“), begleiten textsicher die Refrains bei „Oh my Love“ und „Can’t say no“, feiern ab bei „Run for the Border“.

Doch Rea Garvey will mehr sein, als nur ein Ausnahmesänger und begabter Songschreiber. Nach Tüßling, das sich aus seinem Mund mal wie „Tussling“, „Tusslingen“ und „Tüßlingen“ anhört, bringt er jede Menge Botschaften mit. „Ich weiß, Ihr seid die Guten“, ruft er den Fans noch vor dem ersten Hallo zu. „Ich bin kein Politiker. Ich bin euer Bruder, einer von euch. Meine Aufgabe ist es, die Herzen zu öffnen und die Musik und die Liebe zu bringen.“

Wem das zu dick aufgetragen ist, den entschädigt Garvey mit richtig guter Livemusik. Dazu passt eine Show, die ohne große Effekte auskommt. Der Titel der Tour („Neon“) spiegelt sich – zum Glück – nur in ein paar dezenten Lichteffekten wider, ansonsten braucht Garvey keinen Firlefanz. Seine positive Energie reicht allemal für die ganze Bühne, auf der sich außer ihm wenig bewegt. Die tadellose Band (Christian Besch, Keyboards; Mark Ferguson, Bass; Simon Fürst, Gitarre; Carlos Garcia, Gitarre; Pat Fa, Drums) macht – in etwas merkwürdige Uniformen gekleidet – einen guten Job, bekommt aber keine Gelegenheit, sich auszuzeichnen.

Denn der Star ist Rea, der tanzt, marschiert und das Tempo bestimmt, das er an einer Stelle dann ganz rausnimmt. Garvey wird politisch, es geht um die „Fridays for Future“-Bewegung und um die Botschaft der schwedischen Umweltaktivistin Greta Thunberg, die auf den Videoleinwänden erscheint. Im Gepäck hat der Ire anschließend das passende Lied: „Through the Eyes of a Child.“ Zusammen mit dem Song „Tonight“ ist es der einzige Ausflug in die Reamonn-Zeit.

Mit „Hometown“ geht der Blick zurück in die Heimat. Die Erinnerungen an Garveys durchwachsene Kindheit („Ich hatte kein Leben, bis ich 18 war; ich bin mit sieben Schwestern aufgewachsen“) seien schon bei der Anreise nach Tüßling wach geworden, verrät er dem Publikum. „Als ich das Schloss gesehen habe, habe ich erst gedacht, wie schön es doch gewesen wäre, wenn wir damals auch so viel Platz gehabt hätten. Doch dann habe ich mich daran erinnert, dass ich ja samstags immer den Rasen mähen musste. Und das wäre hier auch kein Spaß.“ Neben all dem Witz und Charme wird Garvey auch als der Kultursommer-Künstler in Erinnerung bleiben, der dem besonderen Ambiente das wohl bezauberndste Kompliment gemacht hat: „Wie kann man nur diese Bühne vor so ein schönes Schloss stellen?“

Mit „Wild love“ holt der Sänger dann auch die letzten Sitzplatzkartenkäufer aus dem Sessel, an Regenwolken denkt da längst niemand mehr. Nach 120 Minuten und zwei Zugaben ist Schluss – nicht ohne eine letzte Botschaft: „Never giving up.“ Niemals aufgeben. Auch wenn der Wetterbericht noch so schlecht ist.

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