Jedes Stück ein musikalisches Ereignis

von Redaktion

Akademiekonzert Dozenten und Schüler brillieren mit düsternen Werken

Zangberg – „Luft, Luft! Ich muss raus!“ Ein ergrauter Herr drängt in die Konzertpause. „Nix wie raus!“, wiederholt er. Nein, ihm sei nicht schlecht, alles okay. Im Gegenteil: Es sei herrlich gewesen, was er da eine geschlagene Stunde lang gehört habe. „Und das in dem schönen Ahnensaal dieses Klosters! Sie haben ja hier einen Konzertsaal, beneidenswert.“ Gemeinsam ein paar Schritte in den Klostergarten, ehe es, vielleicht, zu tröpfeln beginnt. Auf eine Erfrischung aus der Flasche verzichtet der begeisterte Herr. Genießt lieber den Garten. Sein scheeler Blick trifft die Raucher im Laubengang. Ein Pärchen lässt sich vor einem Rosenbusch per Handy fotografieren. Die lange Pause tut gut. „Die Frischluft. Und diese grandiose Aussicht auf das Isental.“

Leidenschaftlich

und entfesselt

Das Gespräch kommt in Gang. „Diese Weite. Die braucht man nach den zwei engen Stücken. Mich hat schon die Schumann so gepackt. Und erst dieser – dieser…“. Weingartner. Felix Weingartner. „Ja, genau. Haben Sie von dem schon gehört?“ Von Frithjof-Martin Grabner, einem der Dozenten der Sommerakademie, war über Weingartner (1863 bis 1942) einiges zu erfahren. Ein Jahrzehnt leitete er die (heutigen) Münchner Philharmoniker. Zu hören war sein Sextett für Klavier und Streicher, op. 33. „Das haben die grandios hingekriegt. Alles war für mich irgendwie ,appassionato‘, verstehen Sie?“ Ja, leidenschaftlich, entfesselt, stürmisch. „So muss die Spätromantik gespielt werden, mit all ihrem Jammern und Klagen. Und Drängen. Und Abrupten. Bis es zum Klimax kommt.“

Die Wehmut und herbe Süße des Sextetts ließ das Wienerische des ehemaligen Hofopernchefs Weingartner durchschimmern. Die Beteiligten an Violine, Viola, Violoncello, Kontrabass und Klavier trugen durch strikte Intensität und viel Verve durch die vier Sätze. Die „Danza funebre“ ließen sie kurz aufflammen.

„Darüber war ich froh“, kommentiert der Pausen-Herr, „mehr davon wär mir zu viel gewesen. Clara Schumann hatte mich angerührt. Gepackt, ja gepackt! Ihr zauberhaftes g-Moll-Trio – haben die gescheiten Lehrer das extra an den Anfang gestellt? Wegen: ,Ladies first’?“ Natasha Prishepenko, Stephan Forck und Annegret Kuttner sparten nicht mit Clara-Trotz. „Ehemann Robert ist schuld. Traute der Gattin das Tondichten nicht zu.“ Dabei gelang Clara, vor 200 Jahren geboren, ein feines Meisterwerk – schon weil sie jedem Instrument eine eigene – liedhafte – Stimme gab, sie raffiniert verwob.

Die Open-Air-Pause im Klostergarten erfrischte wie das Gespräch mit dem ergriffenen Zuhörer. Hätte er geahnt, dass es jetzt erst hochspannend würde – mit Dmitri Schostakowitschs 8. Streichquartett op. 110, Bearbeitung Hans-Jakob Eschenburg und Frithjof-Martin Grabner, im Saal anwesender Leipziger Star-Kontrabassist – der Herr wäre wohl nicht an seinen Platz zurückgekehrt. Mitzuerleben war die Stunde des Dozenten Erich Wolfgang Krüger. Das Mikro stellte er vor das aus Dozenten und „ausgewählten Kursteilnehmern“ bestehende Streichorchester. Nicht etwa, um es zu dirigieren. Krüger hielt eine perfekte Einführung in Sachen 8. Streichquartett, an dessen opus Nr. 110 ein „a“ hängt. Das Anekdotische sparte er aus, ging aber auf die Umstände der Entstehung des viel gerühmten Quartetts im Dresden des Jahres 1960 ein und zitierte aus Briefen des Komponisten, um das in drei Tagen, im Gedenken an die Kriegs-opfer und die Leiden unter dem Faschismus, geglückte Werk dem Zuhörer „nahezubringen“.

Krüger gelang ein didaktisches Wunder-Werk: Er griff charakteristische Passagen (Stalin-Kritik, -Anpassung, Aufschreie, Hasstiraden, Bombeneinschläge) der umwerfenden, oft donnernden Klangsprache des großen russischen Tonsetzers Dmitri Schostakowitsch (1905 bis 1975) heraus, ließ sie spielen und wagte Deutungen. Machte hellhörig auf die stete Wiederholung der Tonfolge D eS C H als Abkürzung des Urheber-Namens, ähnlich Johann Sebastian B A C H. Beschwor und erklärte die düstere Grundstimmung. Auch das „Wahnsinnig-Schöne“ der an die Nieren gehenden 22-minütigen Komposition.

Eine musikalische Sternstunde

Während sie in ihrer ganzen Anklage-Dichte und Bedeutungs-Schwere niederprasselte, wäre man am liebsten in die Knie gegangen. Wann war an diesem Ort – aufs Ganze dieses Akademiekonzerts gesehen – eine solche Sternstunde musikalischer Ereignisse zu erleben gewesen?

Dass der gespendete Beifall nicht enden wollte, ist kein Wunder – bei diesem Konzert-Wunder. Ein kurzer Blick auf den gesprächigen Pausen-Herrn: Er war schon verschwunden. Allen anderen vorausgegangen. An die frische Luft. Es fing zu tröpfeln an.

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