Mühldorf – 17 Jahre ist es her, dass die Lungau Big Band zum ersten Mal in Mühldorf war. Im Jubiläumsjahr anlässlich der 200-jährigen Zugehörigkeit der ehedem salzburgischen Enklave Mühldorf zu Bayern kamen die Österreicher und hinterließen offenbar bleibenden Eindruck. Und so beschrieb es Meike Borchart auch als „persönliches Highlight“, dass die 18-köpfige Kapelle zum Wiederholungstäter wurde. Dort, wo der Maibaum aufgrund seiner Vergangenheit noch rot geschürt ist. Wie passend, wenn die Big Band dann auch noch mit einem Topstar der Jazzszene auf die Bühne tritt, dessen Markenzeichen eine rote Posaune ist. „Red Horn“, das ist auch das erste Stück von Nils Landgren, mit dem der Schwede die Marschrichtung für den weiteren Verlauf des knapp zweieinhalb Stunden langen Konzertes vorgibt. Treibender Jazzfunk, bei dem Tenorsaxer Kurt Gersdorf schon eine erste Kostprobe seines Könnens präsentiert. Danach ein krasser Cut, als Landgren die weiche Seite seiner Posaune zur Geltung bringt. „Julian“, wie „Red Horn“ von ihm selbst komponiert, schlägt sanfte Töne an, Drummer Philip Kopmayer rührt mit den Besen die Trommel, die Bläser gedämpft in bester Chill-Out-Manier.
Nils Landgren hat Lust, entertaint maximal charmant in feinem Deutsch, wenn er von Konzertreisen im Osten Deutschlands erzählt mit kilometerlangen Hallen, groovt anschließend bei „Inside Street“ von Nat Adderley –spätestens jetzt verselbstständigt sich das Fußgelenk des Zuhörers, tippen die Fußspitzen zum Solo des großen Meister an der Posaune, der mit unverschämter Lässigkeit seiner Flatterzunge freien Lauf lässt. So überzeugend, dass man meinen könnte, er habe es eigentlich gar nicht nötig, einen synthetischen Wah-Wah-Sound über sein Instrumentes zu legen.
Landgren beansprucht die Bühne nicht für sich allein, immer wieder holt er sich einen Solisten nach vorne ins Rampenlicht. Etwa Robert Bachner, der bei „That Old Black Magic“ mit der Ventilposaune brilliert – „das ist doch Fake“, spottet Landgren später, nachdem er gezeigt hat, dass er auch ein glänzender Sänger ist. Zart, hoch, samtig und doch auch etwas rauchig. Man wähnt sich im warmen Georgia, wenn Landgren balladenartig über „The Nearness Of You“ von Hoagy Carmichael schmachtet. Und beim letzten Stück vor der Pause zieht er noch einmal alle Register bei „Compared To What“ von Gene McDaniels, in das die Big Band raffiniert das Thema von „Aquarius“ aus dem Musical „Hair“ einfließen lässt. Extatisch präsentieren sich die Musiker zum Finale des ersten Teiles. Das Publikum lässt sich zum Klatschen hinreißen – die Big Band gibt alles, um den CD-Absatz in der Pause anzukurbeln.
Jazzig geht es in die zweite Halbzeit, verspielt lassen die Musiker ihr großes muskalisches Potenzial spüren, wenn sie „Work Song“ von Nat Adderly anstimmen. Allen voran Landgren, der die Flatterzunge einsetzt, als wäre diese Technik das Einfachste auf der Welt. Sein Solo gipfelt darin, dass er sogar zweistimmig spielt. Atemberaubend – auch für ihn, erstmals scheint sich die Gesichtsfarbe der seiner Posaune anzunähern.
Landgren verschweigt nicht, dass seine 92-jährige Mutter mit Jazz so gar nichts anzufangen weiß, mit „Getting Sentimental Over You“ sei sie aber stets umzustimmen gewesen, wofür der Schwede dann auch gleich eine Kostprobe gab.
Und er gibt zu: Er selbst sei mit seinen 63 Jahren immer noch „Still Crazy After All These Years“. Bei „Same Old Song“ lassen Landgren und Co. New Orleans durch den Haberkasten klingen, um zum Schluss auch noch einen ABBA-Song zu spielen „Thank You For The Music“, singt Landgren zum Abschied. Stimmt: Danke für die Musik, Nils Landgren!
Mühldorf goes Jazz! Noch zweimal hat der Zuhörer in diesem Jahr die Möglichkeit, diesem Musikgenre zu lauschen. Etwa am 16. November mit dem Gewinner des „Amadeus Austrian Music Award 2019“ Norbert Schneider oder am 26. November, wenn der deutsche Topschlagzeuger Wolfgang Haffner im Haberkasten gastiert.