Waldkraiburg – Frömmler, Spießer, Sittenwächter, bleibt mir vom Leibe! Schon seine allzu kecke Komödie „Die Schule der Frauen“ brachte dem 1622 getauften Molière, der sich als Jurist Thalia verschrieben hatte, Anfeindungen und Armut.
Zuviel der Frivolitäten im Paris des Sonnenkönigs! Hinter vorgehaltener Hand wurden sie aber mit Wonne goutiert – und sind aktuell geblieben. Zumal in einer Inszenierung, die sie – in feinem Bühnenbild und stilsicherer Kostümierung – in ihrer Zeit belässt, in Sprache, Gestik und darstellerischer Finesse und Schärfe aber ganz ins Heute bringt.
Das Neue Globe Theater aus Potsdam gastierte mit einer drallen, prallen „Commedia dell`Arte“ von 2019 im Haus der Kultur, wo man sich bei Molières reißerischen „Streichen des Scapin“ (neun Jahre nach der „Schule der Frauen“) in der deutschen Fassung von Peter Lotschak durchwegs auf das Flick-Flack einer herrlich flott drauflos parlierenden und drunter und drüber stolpernden Truppe einließ, die sich schon im Vorfeld maskiert unter die Besucher mischte.
Der Theatergründer wirbt für seine Truppe
Fishing for complements? Nun ja. Werbung darf, muss sein. Theatergründer Andreas Erfurth, im Stück der reiche Dümmling Argante, wollte den starken Beifall des begeisterten Publikums für sein Tingel-Unternehmen nutzen, nein: ihm noch eins draufzusetzen: „Bitte, tragen Sie sich in unser Gästebuch ein!“ Legte es auf, musste aber kleinbeigeben, als zu wenige dem „Angebot“ folgten. Nach gut zweieinhalb Stunden reichte es den meisten. Das rahmengebende Vorspiel lähmte eher, als dass es klarstellte. Es verspielte die Chance, die Rolleninhaber vorzustellen. Aha, Molière selbst gibt den Diener Scapin. Sein Weib wird die radebrechende kleine Schlampe Giacinta mimen, die junge Gattin von Oktave. Dieser verquere Kerl, Argante`s Filius, brach endlich das Schweigen im Saal. Laurenz Wiegand, der sich – huch! – lecker nackig zeigte, begann, was die Folgezeit erfüllte: saftiges, Schlag auf Schlag gehendes, rasantes, vom Sitz reißendes Komödiengeplänkel, voll herben Witzes, loser Sprüche und selbstironischer Seitenhiebe aufs Making-of des Theaterspielens. Da war kein Bedürfnis mehr zu fragen: Wer ist hier wer? Und warum so erregt? So exaltiert? So echauffiert? So ausgeflippt?
Zwei stinkreichen Vätern geht`s, mit pikanten weiblichen „Einsprengseln“, um nix Wichtigeres als das Verheiraten oder Partner-Verweigern ihrer doofen Schlappschwanz-Söhne. So was gibt noch heute Stoff für Raffinements und Arrangements her, für boulevardeskes Gezänk und Versöhnungs-Bussis. Gefundenes Fressen für die intelligent-verblüffenden Dampfplaudereien des listig-ungestümen Drahtziehers Scapin, der nie um ein Wort verlegen und nie aufs Maul gefallen war.
Rolle auf den
Leib geschrieben
Es sah so aus, als hätte Molière, wie einst sich selbst, dem famosen Schauspieler Kilian Löttker seinen pfiffigen Streiche-Lieferanten auf den Leib geschrieben. Ob Scapin-Löttker als trällernder Rossini-Barbiere den pikierten Argante-Erfurth einseifte, ob er – unter Einbezug der Kühnheit seines Kollegen Sylvestre (fulminant: Alexander Jaschik) – den guten Lapp Géronte (Regisseur Kai Frederic Schrickel „himself“!) einsackte, ob er beide Geldsäcke ausnahm, um Netteren Wohlstand zu sichern – es war ein einziges Funkensprühen des kaum bis ins Letzte verständlichen, wenn auch doch akustisch perfekten Lustrasens.
Fazit: Ein Abend, der – warum nicht wieder mit den gepfeffert perfekten Potsdamern? – den Waldkraiburger Theaterfans noch oft zu wünschen ist.