Wasserburg – Wie eröffnet man eine Theaterspielzeit? Am besten, indem man die Ferien ideell auf der Bühne verlängert. Denn auch wenn der Sommerurlaub zu Ende ist, bleibt die Sehnsucht nach einer exotischen Reise. Warum nicht nach Panama, wo doch jedes Kind weiß, dass es da schön ist. Vor allem, wenn es Janosch kennt und seine nun auch schon vor 41 Jahren mit dem deutschen Jugendpreis ausgezeichnete Geschichte „Oh, wie schön ist Panama“. Seitdem ist die Tigerente nicht mehr wegzudenken aus dem kindlichen Weltkulturerbe. Erwachsene denken eher an die Panama Papers, aber die sind im Orkus der Finanzgeschichte und bei Weitem nicht so positiv wie der Duft nach Bananen, der den „Kleinen Bär“ und den „Kleinen Tiger“ hinaus lockt in die große weite Welt, die noch jederzeit Platz hat auf den Brettern, die die Welt bedeuten.
So traf man sich erwartungsfroh im Wasserburger Belacqua-Theater, um sich gemeinsam auf die Reise zu machen. Klar, dass man diese fantastische Geschichte nicht mit Blockbuster-Spezialeffekten darbieten kann. Und das braucht es auch überhaupt nicht. Wozu gibt es Fantasie? Ein paar Requisiten, Bühnenbild-Versatzstücke und fertig ist der Dachboden, auf dem sich der Opa mit den zwei Mädels spielerisch den Nachmittag um die Ohren schlägt, bis das Abendessen fertig ist. Denn länger darf die Reise nach Panama nicht dauern, schließlich kocht Oma. So hat Alexander Kratzer „Oh, wie schön ist Panama“ bearbeitet.
Dass das ganze Stück nur ein Spiel ist, ein Theater im Theater, versteht sich natürlich auch. Denn kein Kind würde die Schauspieler mit ihrer Rolle verwechseln, dazu sind die Zeichnungen von Janosch zu markant, und so macht es auch Vergnügen, wenn Magdalena Müller als „Kleiner Bär“ und Regina Alma Semmler als „Kleiner Tiger“ mal immer wieder aus der Rolle fallen. Beispielsweise, um den scheinbar schnarchend schlafenden Carsten Klemm als Opa zum Weitermachen zu animieren. Der seinerseits bringt die Geschichte voran, indem er beispielsweise dem angelnden Bär seine Schuhe an die Angel heftet. Er verwandelt sich in alle Figuren, die den beiden Suchenden begegnen – auch wenn sie nicht immer erkennen, wen er jetzt nun wieder gerade mimt.
Der Frosch erscheint nur als Handpuppe über einem aufgehängten Tuch, aber die anderen verkörpert er leibhaftig. Vor allem den schlauen Fuchs, der mit einem großen Zeigefinger-Handschuh über das Handy wischt, weil doch das Internet ihn allwissend macht und schon mal Vorschläge zur Buchstabenfolge PAN präsentiert: von Panorama bis Pantheon ist da wikipediamassig alles dabei. Die Lacher der kleinen wie der großen Zuschauer sind gewiss. Egal, ob Pade-See oder Paderborn, alle Wege führen nach Panama.
Regisseurin Annett Segerer geht behutsam heran, indem sie das Kindliche nicht gewaltsam hervorhebt, sondern auf sparsame Gesten setzt. Ihre Schauspieler sind einfach nur aufgeweckt und begeisterungsfähig – so wie man sich das Publikum (nicht nur die Kinder) wünscht. Und Gefühle spielen dabei eine große Rolle. Wenn der Weg nach Panama, den der „Kleine Bär“ und der „Kleine Tiger“ zurücklegen müssen, so endlos lang wird, dann ziehen die beiden schon mal einen Flunsch. Sie stampfen mit den Füßen und auch die vielfältige Art, wie sie gemeinsam ihre Prozession um den Dachboden absolvieren, nebst kleiner Tanzeinlage, lässt Rückschlüsse auf ihre Befindlichkeiten zu.
Natürlich wissen zumindest alle Erwachsenen, dass der Weg das Ziel ist. Wichtig ist jedoch, sich überhaupt auf den Weg zu machen. Und so bleibt am Ende das kluge Bonmot: „Es kommt nicht darauf an, was man sieht, sondern wie man es sieht.“ Da kann man dann sogar die Augen zumachen, wie der Opa empfiehlt, und sich Panama einfach ganz toll vorstellen. Bis der Duft in die Nase zieht – nicht nach Bananen, sondern nach Abendessen, und schon ist man in seinem ganz persönlichen Panama.
Ein rundum gelungener Saisonstart des Theater Belacqua, das der Fantasie an die Macht verhilft. Die nächste Vorstellung ist am 20. Oktober.