Maitenbeth – Bekannt ist Peter Casagrande international für seine großformatigen, bis zu sieben mal zehn Meter großen Bilder. Deren Thema ist vor allem der Raum, wobei der Stil nicht leicht einzuordnen ist. Museen und Galerien in Deutschland sammeln seine Werke, die außerdem regelmäßig in Ausstellungen in München, Nürnberg, Frankfurt, Köln, Schweinfurt, Mailand, Genova, London, Paris und anderen Städten zu sehen sind. Der Maler lebt und arbeitet seit 40 Jahren in Maitenbeth, hat einiges erlebt und viel zu erzählen.
Woher kommt der italienische Name? Der Vater stammt aus dem Veneto, die Mutter war Berlinerin. Sohn Peter kam kurz nach dem Zweiten Weltkrieg 1946 in Weilheim zur Welt, die Familie zog bald nach München. Weil die Umstände schwierig waren, verbrachte der Siebenjährige ein halbes Jahr in einem Heim. Das war nicht leicht, „ich musste überleben“, erzählt er im Gespräch mit der Wasserburger Zeitung.
Der Vater stammt
aus dem Veneto
Doch gab es Schlüsselerlebnisse, als etwa dort einmal das Orchesterstück „Blue Tango“ im Radio erklang: „Ich bin fast in den Lautsprecher hineingekrochen“, das brachte ihn zur Musik. Eine Schiefertafel in der Schule führte ihm die Entstehung eines Bildes vor Augen, denn durch das ständige Putzen entwickelte sich aus dem schlierenartigen Grund etwas magisch Bildhaftes, „das war faszinierend, was aus dem Nichts entstand. Das hat mich getroffen, das war ein Geheimnis für mich“. Rückblickend weiß er daher, dass es auch die Not brauche, um Anlagen und Eigenschaften in sich selber zu fördern.
Der Besuch einer Kunstakademie war „daheim überhaupt kein Thema“, deshalb stand nach der Schule eine Ausbildung zum Schriftenmaler an, danach durfte er Zeichenlehrer werden. Aber dazu brauchte es ein zweites Fach, das war Sport. Eine Bekannte stellte heimlich eine Mappe mit den Bildern des jungen Casagrande zusammen, brachte es einem Professor in der Akademie, und der meinte augenzwinkernd: „Den bringt‘s mir“, es klappte. „Endlich war ich da, wo ich hin wollte“, aber: „Ich sollte, wie jeder Maler, ein Selbstporträt malen, das ging mir gegen den Strich. Ich hatte großen Widerwillen, mit dem Pinsel an Nase, Augen und Mund herum zu fummeln. Erst als ich mich dann selbst ‘rausmalte, bis nur noch der Kragen stehen blieb, hat‘s mir gefallen“, amüsiert er sich heute darüber. „Ich bin kein gegenständlich figurativer Maler, vielmehr suche ich Raum und Landschaft.“
Die 1968er-Jahre erlebte Casagrande in Berlin, „eine wilde Zeit“, von daher stammte auch die Vorstellung, „niemals zu heiraten, das war Ausdruck schlimmster bürgerlicher Verkrustung“. Er tat es doch, nämlich die Malerin Stefanie Hoellering. Steuerliche Gründe spielten dabei aber keine Rolle, „über so etwas hab ich nie nachgedacht, wenn das Finanzamt so viel will, muss ich eben schauen, wo ich das her krieg.“ Die Trauscheinehe hielt ein Jahr, „danach haben wir uns die Freiheit wieder geschenkt“. Sie blieben als Eltern von Sohn Niccolo nach wie vor zusammen, der 1985 zur Welt kam.
Nico erlebte mit 13 Jahren eine überraschende Schauspielerkarriere in dem Roadmovie „Pauls Reise“ aus dem Jahr 1999 von René Heisig. Leider starb das Kind im Jahr 2000 bei einem Unfall. Im selben Jahr erlag Stefanie Hoellering einer Bauchfellentzündung. Das gehörte zu seinen schwärzesten Momenten im Leben.
Zu der Zeit wohnte er bereits in Maitenbeth, ein Freund hätte eigentlich in die alte Schule einziehen wollen. „Von so einem großen Raum hatte ich immer geträumt.“ Zu Beginn lebten zwölf Leute im Haus, „das war schon manchmal vogelwild“. Und: „Es war eine Erlösung, aus München rauszukommen, hier hab‘ ich meine Ruhe gefunden.“ Die Akzeptanz im Dorf steigerte sich mit den jährlichen Ateliertagen.
Die Preise für seine Werke bewegen sich von vierstellig bis sechsstellig. Wie erhält ein Bild seinen Preis? Das sei „ganz einfach“, erklärt Peter Casagrande: Breite plus Höhe mal Künstlerfaktor. Mit dieser in der Kunstwelt etablierten Rechnung könne das jeder selber ausrechnen. Während die Maße des Bildes festliegen, ergebe sich der Faktor aus Angebot und Nachfrage. Er habe mit der Münchner Galerie Walter Heseler Glück gehabt, sein Preis sei dort nur langsam gesteigert worden. Denn bei einem plötzlichen Erfolg gebe es kein Zurück. Verkaufe ein Künstler trotzdem billiger, sei das Vertrauen in ihn dahin. „Drei Straßen spielen zusammen und bedingen sich einander“, erklärt der Maler. „Privatsammler, Galerien und Museen. Jeder will die Querverbindung des anderen wissen, wo wird ausgestellt, welche Museen kaufen. Das ergibt und stabilisiert den Preis.“ Dabei, davon ist Casagrande überzeugt, bewege er sich „am unteren Level; von der Qualität her müssten die Bilder teurer sein, das klingt vielleicht ein bisschen unbescheiden, aber das sehe ich so.“
„Nein, ich kann keinen Verkauf planen, ich schau, dass ich Ausstellungen mache, dass die Bilder in Museen kommen“. Es sei „ein ständiges Auf und Ab“, manchmal sage jeder, „tolle Bilder“, aber niemand kauft. Dann wieder seien „auf einen Schlag noch beim Ausladen vor einer Ausstellung 24 verkauft worden“. Diese Unsicherheit erlebe er seit 40 Jahren, „das muss man auch irgendwie aushalten“, damit könne er „keine klassische Familie erhalten, das wäre verantwortungslos“, aber das sei „der Preis für das Privileg, dass ich das tun darf, was ich ausschließlich machen möchte“.
Mit dem Begriff „Künstler“ hat Casagrande Schwierigkeiten, „ich bin Maler. Ich weiß nicht, was ein Künstler macht, damit er ein Künstler ist. Jeder hat für den Begriff Kunst andere Auffassungen, ich verweigere mich einfach jeglicher Diskussionen über Kunst“.
Was mag er mit seinen Bildern den Betrachtern sagen? „Jeder geht immer davon aus, dass ein Maler das will, aber das tut bereits meine Art zu malen. Entweder man hat was zu sagen oder nicht, das geschieht im Bild von selber.“ Beim Malen „erlauscht“ er, wie das Werk entsteht. „Die Leinwand ist ein Partner“, das sei „Aktion und Reaktion“, beide kennen das Ziel nicht, zwischen „Phantasie und Realität liegen Welten, ich kann nichts erzwingen, nur die Voraussetzung schaffen“. Ein Bild sollte einen selber überraschen, sonst bleibe es belanglos. Der Betrachter suche nach Erkennbarkeit. Das Problem sei, dass es danach oft in einer Schublade verschwinde. Ein Bild sollte sein Rätsel behalten. „Es geht nicht nur um Schönheit, es muss den eigenen inneren Abgrund berühren, sich öffnen und sollte trotz aller Tragik strahlend dastehen.“
Casagrandes Arbeitsweise ist außergewöhnlich, er bearbeitet die Leinwand ekstatisch mit Pinsel und Besen, spart keinesfalls mit Farbe, die mit hoher Geschwindigkeit auftrifft. Ist die eine Schicht fertig, folgen nach einer Reflektion darüber oft weitere, manchmal nach Jahren. Die Schwerkraft gestaltet mit, ein Drehen des Bildes hebt Richtungen auf, sodass sich das Werk letztlich seinen eigenen Raum schafft.
„Ich verausgabe mich total, habe das Gefühl, ich müsste mich darin auslöschen, hineinsteigen und darin verschwinden.“ Das hat aber auch Nachteile, etwa Terpentin-Dämpfe, „das ist meine Schwachstelle“. Was zeigt das Bild? Nichts Gegenständliches, keine Figuren, keine bekannten Flächen und Formen. Nur das, „was es in mir auslöst. Ich kann niemandem vorschreiben, was er zu sehen hat, denn wir sind alle derart verschieden.“ Wer ein solches Bild kauft, sollte sich zuallererst darin verlieben, ist der Maler überzeugt.
Ausbildung zum
Schriftenmaler
Heute pendelt Peter Casagrande regelmäßig ins Allgäu zu seiner langjährigen Lebenspartnerin, gibt zwei Malkurse im Jahr: „Mir haben andere auch geholfen, da kann ich auch etwas zurückgeben.“ Zu den Hobbys zählen Skifahren, Bergsteigen, früher das Matterhorn oder der Mont Blanc. Nicht das Sportliche sei dabei wichtig, sondern das Raumerlebnis und der Zustand der Grenzerfahrung. Und: Mit 72 Jahren „bleibt mir nichts anderes übrig, als so lange weiterzumachen, bis mir der Pinsel aus der Hand fällt.“