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Modern und mit viel Musik

von Redaktion

„Drei Schwestern“ feierte Premiere – Weitere Aufführungen ab heute

Wasserburg – Mit „Drei Schwestern“ hat das Theater Wasserburg den Klassiker des russischen Dramatikers Anton Tschechow (Uraufführung 1901) in der Übersetzung von Thomas Brasch auf die Bühne gebracht. Mit ihrer Entscheidung, eine Strichfassung der relativ komplexen und figurenreichen Originalfassung – natürlich modern und mit vielen musikalischen Einlagen – zu inszenieren, ist es den Regisseuren Uwe Bertram und Nik Mayr bei aller Texttreue gelungen, Individualität wie Persönlichkeit der weiblichen Hauptfiguren herauszuarbeiten und gleichzeitig philosophischen Diskursen Raum zu geben.

Überraschend wie ernüchternd dabei ist, wie aktuell die Suche nach Sinnhaftigkeit oder Glück sind und wie allgegenwärtig auch heute das Phänomen von Beziehungslosigkeit, trotz oder wegen ständiger Selbstoptimierung. So zeigte sich auch das Premierenpublikum sehr angetan.

Seit elf Jahren hängen sie in einer namenlosen, russischen Kleinstadt fest. Sie heißen Olga (Regina Alma Semmler), Mascha (Julia Angeli) und Irina (Malene Becker). Sie sind gebildet, privilegiert und wohlhabend, interessant und attraktiv. Doch eigentlich ist es nicht die Kleinstadt in der Provinz, die die Schwestern lähmt. Es ist eine träge Langeweile und die Sehnsucht nach Moskau, die sie verbindet – mehr offenbar nicht. Sämtliche Gespräche über Arbeit, über Glück oder Liebe laufen vollkommen aneinander vorbei.

Dabei fasst eine allgegenwärtige Lethargie, ein Warten auf etwas Unbestimmtes, ein Hoffen und Zweifeln im Laufe der drei Jahre, die das Stück umfasst, auf fast unheimliche Weise zunehmend Fuß. Wo genau man sich zeitlich befindet, machen dabei die goldenen Zahlen-Luftballons in der Mitte der Bühne deutlich, um die das Publikum gruppiert ist und die den Blick freigibt auf Bar und Klavier. Irgendwie muss man sich ja die Zeit vertreiben.

Aktuelle Suche

nach Sinnhaftigkeit

„Das Problem ist: Wir wissen nicht, was richtige Arbeit ist“, weiß die Jüngste, Irina, zu deren Namenstag man sich regelmäßig trifft. Hier kümmert sie sich aber lieber um ihren Instagram-Account (als Live-Videoinstallation ins Bühnenbild integriert), als um ihre Gäste oder um ein glühendes Liebesgeständnis des jungen Baron Tusenbach (Laurenz Winkelhofer). Nach drei Jahren Berufserfahrung ist Irina maßlos enttäuscht und weist auch ihren Verehrer heftig zurück.

Je mehr die Zeit vergeht, desto mehr kreisen die Schwestern um sich selbst, unfähig, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Da hilft auch die Liebe nicht: Mascha, die jung geheiratet hat und vollkommen desillusioniert dem Wodka zuspricht, lässt sich auf ein Verhältnis mit dem unglücklich verheirateten Offizier Werschinin (Hilmar Henjes) ein: „Wenn man vom Glück immer nur den Schwanz erwischt und zum Schluss nicht mal mehr den, stumpft man allmählich völlig ab.“

Leidenschaft kommt auf der Bühne jedenfalls nicht auf. Vielmehr wird auch diese Trostlosigkeit an Liebe im letzten Akt auf die Spitze getrieben, da Werschinin während der müden Party Pelmeni zubereitet, als sei er vollkommen allein.

Interessant aber sind seine philosophischen Gespräche mit Tusenbach, die einzigen Dialoge im Stück: Während Tusenbach Langeweile als „wahren Hedonismus“ preist, sinniert der Offizier, wie gut es wäre, wenn sich „Intelligenz mit Lust auf Arbeit und Lust auf Arbeit mit Intelligenz verbinden ließe“. Ein wenig am Rand, selbstverloren, bleibt die Älteste der Schwestern, die Lehrerin Olga.

Den letzten Akt prägt das zum geschwisterlichen Ritual gewordene, immer gleiche. Und wenngleich der (nur in Form von Handybotschaften anwesende) Bruder Andrej das Familienvermögen verspielt, steckt ausgerechnet in dieser Nachricht ein Stück Befreiung. „Lass uns rausgehen und dort sprechen, was wir mit dem Rest des Abends anfangen“, richtet Mascha am Ende des Stücks erstmals direkt das Wort an Irina.

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