Der Mensch hinter der Filmfigur

von Redaktion

Das Musical des Theaterensembles Serr beleuchtet das Leben des Charlie Chaplin

Waldkraiburg – Charlie Chaplin kennt jeder. Nun bringt das Theaterensemble Serr 130 Jahre nach der Geburt des Leinwandgenies dessen Leben als Musical-Show auf die Bühne. 2012 startete die umjubelte Premiere am Broadway, im Oktober 2019 ging Frank Serr mit seiner Produktion auf Reisen. Und Waldkraiburg ist eine der 70 Stationen, an denen die außergewöhnliche Lebensgeschichte des „kleinen Tramp“ in Szene gesetzt wird.

Chaplin selber hatte diese Figur 1914 erfunden, als ihm aufgetragen worden war, ein lustiges Kostüm zu tragen. Im Musical ist es sein erster Regisseur in Amerika, Mack Sennett, gespielt von Dirk Hinzberg, der Chaplin auffordert, endlich komisch zu sein.

Das Ziel: Endlich
komisch sein

In der Eingangsszene erlebt der Zuschauer den jungen Charlie, der mit seiner Mutter als Sänger durch die Straßen des viktorianischen London zieht, um Geld zu verdienen. Doch mit Riesenschritten entflieht er dank komödiantischer und pantomimischer Fähigkeiten dem Arbeitermilieu und macht sich einen Namen als Stummfilmproduzent. Sein Halbbruder Sydney wird Ratgeber und ständiger Begleiter. So kreuzen Personen aus den verschiedensten sozialen Schichten seinen Weg.

Die Figur des „Tramp“, eine perfekte Mischung aus Humor, Übermut und Melancholie und überzeugend dargestellt von Bas Timmers, wird Mittelpunkt der erfolgreichsten Kurzfilme der Keystone Studios. Seine zahlreichen Affären und vor allem die teuren Scheidungen von den drei Ehefrauen werden auf der Bühne als Boxkämpfe mit den Damen dargestellt, bei denen Charlie jeweils K. o. geht. Sie lockern das Geschehen auf, was besonders durch die zahlreichen Fotos und Filmausschnitte auf der großen Leinwand geschieht, welche immer wieder die Wahrheit hinter den Schlagzeilen aufdecken. Vor allem ist es die schmissige, teilweise aber auch berührende Musik, die gefühlvollen Songs und flotten Tanzszenen, welche das Musical nicht als biografische Beschreibung erscheinen lassen.

Der zweite Akt konfrontiert das Publikum mit Skandalen, seiner Hinwendung zum Tonfilm und den politischen Aktionen Chaplins – gefundenes Fressen für die Klatsch-Kolumnistin Hedda Hopper, schrill dargestellt von Marie-Luise Kisfeld, besonders in ihrem Song „Was passiert, wenn alles zusammenbricht?“ Sie erklärt ihm wegen eines verweigerten Interviews den Krieg.

Beeindruckend in dieser Zeit auch seine Einstellung Hitler gegenüber, zwei Männer und ihr Lebenswerk werden konfrontiert und von Charlie kolportiert. Hier die Not des kleinen Mannes in der modernen Gesellschaft: „Der Scheißkerl hat mir meinen Schnurrbart gestohlen!“ Dort der andere, dessen Tun im unsagbaren Leid endet. Doch wegen der angeblichen Hitlernähe und weil er als Kommunist verdächtigt wird, muss er Amerika verlassen.

Versöhnlicher wird es erst, als er die zurückhaltende, fast scheue Oona O`Neill kennenlernt, seine spätere Ehefrau und Mutter von acht Kindern. Berührend und zart die Szenen von ihrem ersten Vorsprechen bei ihm bis zur gemeinsamen Ausreise in die Schweiz.

Eine Aufführung, welche respektvoll und sensibel die Lebensumstände dieses facettenreichen Künstlers und Menschen aufzeigt.

Wie war’s?
Artikel 6 von 9