Mühldorf – Seit diesem Jahr ist Korbinian Engelmann der neue Leiter des Mühldorfer Museums. Der gebürtige Mühldorfer, Jahrgang 1984, besuchte das Gymnasium in Mühldorf und später das der Englischen Fräulein in Altötting. Nach dem Abitur schloss sich ein Studium in Geschichte, Germanistik und Erziehungswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität in München an.
Im Anschluss kuratierte er verschiedene Ausstellungen, zum Beispiel auf dem Bauernhofmuseum von Markus Wasmeier am Schliersee. Andere Ausstellungen hießen „Elektrifizierung in Bayern“ oder „Im Altenheim“.
Engelmann arbeitete beim Dokumentationszentrum auf dem Obersalzberg und beim MPZ, dem Museumspädagogischen Zentrum in München, einer Institution, die durch kindgerechte Führungen Kindern und Jugendlichen die in Museen ausgestellten Werke näherbringt.
Neukonzeption
der Dauerausstellung
Die nächste Station des jungen Historikers war das Konzentrationslager in Dachau, wo gerade mit der Neukonzeption der Dauerausstellung begonnen wurde, die bis 2030 fertiggestellt sein soll.
Nachdem seine Bewerbung für die Leitung des Mühldorfer Museums erfolgreich gewesen ist, nutzte er seine Kontakte in Dachau, um die Chefin Gabriele Hammermann zu überreden, ihm Bilder von Max Mannheimer für seine neue Wirkungsstätte in Mühldorf leihweise zu überlassen. Die Zeit war knapp, sollte die Eröffnung der Ausstellung der Bilder von Max Mannheimer doch am 11. März über die Bühne gehen.
Das Jahr 2020 ist geprägt durch die 75 Jahre, die seit Ende des Zweiten Weltkrieges vergangen sind. Überall finden Gedenkfeiern statt. Engelmann dachte, dass dies in Mühldorf mit Max Mannheimer verbunden sein müsste, der in dieser Hinsicht die Stadt prägte.
Es klappte alles rechtzeitig, die Eröffnung konnte allerdings infolge der Corona-Krise nur mehr in abgespeckter Form stattfinden, statt 120 durften nur mehr etwa 20 Gäste teilnehmen (wir berichteten), darunter vor allem Medienvertreter und Familienmitglieder Max Mannheimers.
Neun Leihgaben aus Dachau sind im Mühldorfer Museum zu bestaunen. Diese Bilder sind so gehängt, dass sie einen ästhetischen Effekt erfüllen: Sie stellen vor einem großformatigen Schwarz-Weiß-Bild aus der Zeit des Nationalsozialismus einen farbenfrohen Kontrast dar. Dies zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung: ein Schwarz-Weiß-Bild hinter einem farbigen Mannheimer-Bild.
Der Hauptteil der Ausstellung, die Entstehung des Nationalsozialismus und die Lagerzeit Inhaftierter im Landkreis Mühldorf, wird von schmalen, grauen Stelen aus Holz wie ein Kokon umsponnen. Blaue Stelen stechen aus diesem grauen „Wald“ heraus, sie kennzeichnen ein Gemälde von Max Mannheimer, jeweils versehen mit einem Zitat von ihm oder von einem Schüler aus der Mühldorfer Mittelschule, an der er oft zu Gast war. Diese zeigten sich vor allem von seinem Humor beeindruckt – und davon, dass jemand zu ihnen sprach, der all die Gräueltaten erlebt hatte.
Korbinian Engelmann weiß viel aus dem Leben Mannheimers zu berichten. So ging der nach Kriegsende oft ins Kino, um dort „abzuschalten, das Schreckliche zu vergessen“, wie es Mannheimer ausgedrückt hat. Aus heutiger Sicht würden wir von der Bewältigung eines Traumas sprechen.
Später entdeckte der ehemalige KZ-Häftling das Malen als eine ihm helfende Therapie; er bannte die erlittenen Grausamkeiten auf eine Leinwand. Mit dem Malen begann Mannheimer in den 50er-Jahren des zurückliegenden Jahrhunderts. In der Ausstellung sieht man eine Aufnahme von ihm, in seinem Atelier im Keller des Hauses in München-Haar arbeitend, das schier vor Bildern und Leinwänden überquillt.
In den 80er-Jahren entdeckte Max Mannheimer ein zweites Ventil für seine Traumata: Er konnte nun endlich über das Erlittene sprechen, und damit begann seine Arbeit als Zeitzeuge. Er besuchte Schulen in ganz Bayern und las aus seinem „Späten Tagebuch“ vor. Anfangs gelang ihm dies nur mit Beruhigungstabletten, oft musste er die Pädagogen bitten, für ihn weiterzulesen. Mannheimer sagte einmal: „Manchmal vermisse ich das Malen schon. Aber das Reden ist mir wichtiger geworden.“
Eine ganz besondere Beziehung entwickelte sich zur Mittelschule Mühldorf, vor allem zum verstorbenen Lehrer Josef Wagner (von ihm stammt das beeindruckende Bild Mannheimers mit gebeugtem Kopf vor dem Bunkerbogen im Mühldorfer Hart) und zur pensionierten Lehrerin Elke Schott, die für die Ausstellung Briefe und Bilder zur Verfügung gestellt hat.
Unterzeichnet
mit „Ben Jakov“
Seine Bilder unterzeichnete Mannheimer mit der hebräischen Signatur „Ben Jakov“, was zu Deutsch „Sohn des Jakobs“ heißt. Damit wollte er seinen Vater ehren, der 1943 in Auschwitz-Birkenau ermordet worden war – so wie seine gesamte Familie mit Ausnahme des Bruders Edgar. Die Bilder haben allerdings keinen Titel.
Sein Malstil erinnert an den „Blauen Reiter“ Wassily Kandinsky mit farbigen Explosionen, die gegen das vorherrschende Grau erfolgreich ankämpfen. Zum Schluss der Ausstellung ist ein naturalistisches Bild zu sehen. Es zeigt eine Szene aus einem Konzentrationslager: Häftlinge marschieren zum Appell. Über dem Tor liest man „Arbeit macht frei“. Im Hintergrund brennen Krematorien.
Es bleibt zu hoffen, dass die Ausstellung bald wieder ihre Pforten öffnen kann. Die Bilder bleiben bis zum 15. Januar 2021 hängen. Dann sollte auch die Corona-Krise überwunden sein und ein Besuch im Mühldorfer Museum auf dem Programm stehen.