Musikalische Umarmung zweier Generationen

von Redaktion

Kerstin Ott und Howard Carpendale rocken Tüßling – Doppelkonzert begeistert Publikum

Tüßling – Gräfin Stefanie Bruges von Pfuel eröffnete zusammen mit VR Bank-Vorstand Reinhard Frauscher zum 14. Mal das mit der VR Raiffeisenbank ausgetragene Sommerfestival auf Schloss Tüßling: „Danke, dass Sie alle gekommen sind. Ein Dank gebührt auch den Arbeitern, die seit Tagen bei Temperaturen von über 30 Grad alles aufgebaut haben – die beiden großen Tribünen, die Tribüne für die Rollstuhlfahrer, die Stehplatzarena und das technische Equipment.“

Der Abend ist ein Doppelkonzert, von 19.30 Uhr bis 21 Uhr steht Kerstin Ott auf der Bühne, nach einer halbstündigen Verschnauf- und Umbaupause bezaubert der charmante Entertainer und Sänger Howard Carpendale, der seit 1964, also seit sage und schreibe 58 Jahren im Musikgeschäft unterwegs ist. „Howie“ dazu: „1964 verließ ich Südafrika und meine Heimatstadt Durban. Meine Eltern dachten, ich sei bald wieder zurück. Aber das dauert noch.“ Mittlerweile ist Howard Carpendale 78 Jahre alt und wohnt in Starnberg.

Verletzt sitzt er nur auf einem Barhocker

Und dann ging es gleich sehr flott los – Kerstin Ott
in komplett schwarzem Schlabber-Outfit und ihre Band stürmten die Bühne: Simon an der Gitarre und Martin am Bass, Jay spielt Keyboard, Andre glänzt am Schlagzeug und Lisa am Piano.

Kerstin Ott wurde 1982 in Berlin geboren und schaffte 2016 mit ihrem Lied „Die immer lacht“ den Durchbruch. Seit 2017 ist sie mit Karolina Köppen verheiratet, das Paar hat zwei Töchter, die ihre Partnerin mit in die Ehe brachte. Kerstin Ott lebt vegan.

„Wir singen und tanzen jetzt – das heißt, ich singe, ihr tanzt. Das Tanzen ist nicht so meins“, so die Künstlerin, bevor sie mit „Das Leben ist kein Wunschkonzert“, „Der Morgen nach Marie“ und „Alte Liebe rostet nie“ fulminant loslegt.

Mit der deutschen Schlagerqueen Andrea Berg hat Kerstin Ott auch im Duett gesungen: „Was auch immer passiert“ sangen die beiden zum 30-jährigen Bühnenjubiläum von Berg. Die dunkle Stimme von Kerstin Ott harmoniert gut mit der hohen Stimme von Berg. In Tüßling sang Kerstin Ott natürlich allein.

„Mädchen“ handelt von Erziehungsproblemen mit Heranwachsenden. Ständige Ermahnungen der Eltern bewirken in dieser Phase eher das Gegenteil. „Für immer, für dich“ ist ein Liebeslied an ihre Partnerin Karolina, mit der sie seit 13 Jahren zusammen ist: Für sie ist ihr kein Weg zu weit, sie haben so viel zusammen geschafft.

„Wegen dir“ ist eine Koproduktion der beiden Stars. Howard Carpendale sagt dazu: „Ich lernte Kerstin Ott vor vielen Jahren bei einer Fernsehshow kennen. Sie tippte mir auf die Schulter und fragte: ‚Darf ich Dich umarmen‘, was sie auch tat. Es entstand eine Freundschaft und so hat sie auch Teile meines Songs ‚Nachts wenn alles schläft‘ in ‚Wegen dir‘ verwendet.“ Im Videoclip tritt Howie auch auf und singt Teile des Textes.

„Die immer lacht“ darf natürlich nicht fehlen. „Der Song, der mich auf die Bühne brachte“, so Kerstin Ott. Sie begleitet das Lied zuerst mit einem Gitarrensolo, später setzt die ganze Band ein. Die „Scheißmelodie“ gibt es auch noch, bevor mit „Nachts sind alle Katzen grau“ und „Regenbogenfarben“ die Zugaben beginnen. Letzteres ist schon bemerkenswert, im Text geht es um eine in Regenbogenfarben bunt bemalte Welt, in der miteinander verheiratete Männer oder Frauen ihr Kind zur Kita bringen – oder der Mann, der morgens die Brötchen schmiert, die sie nach Hause bringt.

In der Pause wird umgebaut. Trotz der 30-minütigen Dauer reicht diese allerdings kaum, dass die zahlreichen Damen die Toilette aufsuchen können. Bei Eintrittspreisen zwischen 85 Euro für den Stehplatz und 112 Euro für den Sitzplatz darf man doch eigentlich erwarten, dass hier genügend Damentoiletten zur Verfügung stehen.

Inzwischen ist es dunkel geworden, aber dies tut dem furiosen Auftritt von Howard Carpendale keinen Abbruch. Dunkelblaues Sakko, blaues T-Shirt, modisch hellblauer Schal, schwarze Hose, braune Schuhe – das ist Howie.

Obwohl es Mittwoch ist, beginnt er mit einem alten Hit: „Samstag Nacht“. Viele Fans können den Text der Lieder auswendig. Von der neuen CD „Hello again“ gibt es leider nur einen Song: „Du bist das letzte“, ein eher etwas schwächeres Lied einer durchaus hörenswerten CD mit zwölf ganz neuen Titeln. „Ich tanze ja sonst wie Michael Jackson, aber ich habe mich verletzt“. Der Star sitzt deshalb auf einem Barhocker.

Im Gegensatz zu Kerstin Ott spricht Howard Carpendale also auch gerne mit dem Publikum, er will nicht einfach 25 Lieder singen und dann nach Hause gehen. Er mutmaßt, dass einer oder mehrere Männer die Eintrittskarte von der Ehefrau geschenkt bekommen haben und jetzt nicht klar ist, wer der Typ da oben ist: „Ich bin Howard Carpendale. Und seit Kurzem bin ich verliebt in eine Dame namens Kamala Harris.“ Eine politische Botschaft hat er also auch.

„Es geht um mehr“ folgt und „Hello again“, das er normalerweise singt, wenn er aus der Pause zurückkehrt. Aber heute gibt es keine Pause. Dann kommt die unvermeidliche „Alice“, die früher neben ihm wohnte und weggezogen ist. „Das Lied von Smokey ‚Living next door to Alice‘ habe ich auf einer Autobahnfahrt von München nach Köln im Autoradio gehört. Das wollte ich auf Deutsch singen“, erklärt der Künstler hierzu. Howard Carpendale bringt ein Lied, das eigentlich nicht zu einem Open-Air-Konzert passt: „Du bist doch noch hier“. Es macht einerseits traurig, vermittelt aber auch Hoffnung. Joachim Horn hat dieses Lied vom Tod geschrieben. Ein Mann steht auf einer Brücke, zum tausendsten Mal, und sieht im Wasser den roten Schal seiner Frau, die vermutlich Suizid begangen hat: „Du hast dich versteckt, du bist noch nicht weg, ich sehe deine Haare, sie fliegen im Wind, ich höre deine Stimme, ich rieche dein Parfüm“ singt er dazu.

„1966 hatte ich kleine Hits, zum Beispiel ‚Obladi, oblada‘, die deutsche Version des Beatles-Hits. Dann gab es 1970 den deutschen Schlagerwettbewerb mit zwölf Künstlern. Ich hörte mir alle zwölf Titel an und dachte: ‚Das Ding kann ich gewinnen‘. Und ich gewann den Wettbewerb.“ Das Siegerlied damals: „Das schöne Mädchen von Seite eins“. Es wurde mittlerweile „modernisiert“, wie der Künstler preisgibt. Ob so eine Rap-Ergänzung nötig ist, kann jeder Fan selbst entscheiden.

Mit „Ti amo“ endet ein großer Abend

Weiter geht es mit „Wem erzählst Du Deine Träume?“, „Dann geh doch“, anfangs nur mit Gitarrenbegleitung und Unterstützung der Zuschauer, später mit voller Band und „Laura Jane“. Auch „Mit viel, viel Herz“ darf nicht fehlen. Dass Howie ein Näschen für Cover-Versionen hat, deutsche Ausgaben ausländischer Lieder, beweist „Wie frei willst du sein?“. Ursprünglich stammt es vom italienischen Liedermacher Pupo, bei dem es „Forse“ hieß, zu Deutsch „Vielleicht“.

Mit „Ti amo“ geht ein begeisterndes Konzert zu Ende. Dieses Lied ist eine deutsche Version, das der italienische Megastar Umberto Tozzi gesungen hat. Der befindet sich übrigens in Italien gerade auf Abschiedstournee. Da kann man nur hoffen, dass sich Howard Carpendale damit noch lange Zeit lässt.

Artikel 5 von 6