Mühldorf – Es ist nicht die Regel, dass bei einem Kammermusikkonzert gerade die Programmpunkte besonders gefeiert werden, in denen die Musik zeitgenössischer Komponisten zum Zug kommt.
Beim akademischen Musikkonzert der Mühldorfer Sommerakademie im Haberkasten gab aber es den meisten Applaus für Musik eines Komponisten, der heute fast völlig in Vergessenheit geraten ist und für ein Werk eines Komponisten, der mit heute 61 Jahren durchaus unter dem Begriff „zeitgenössisch“ einzuordnen ist.
Musiker legten die
Messlatte sehr hoch
Das Konzert im Haberkasten ist ein „Dozentenkonzert“, auf der Bühne musizierten profilierte und erfahrene Musikerinnen und Musiker, die ihr Können im Rahmen der Sommerakademie an den begabten musikalischen Nachwuchs weitergeben. Sie legten die Messlatte für sich selbst besonders hoch, es waren durchaus spannende und auch technisch herausfordernde Stücke, die auf dem Programmzettel standen. Ein echter „Klassiker“ war das „Ricerar a 6 voci“ von Johann Sebastian Bach, das auf einem musikalischen Thema des Preußenkönigs Friedrich beruht, den Bach nur einmal persönlich getroffen hatte. Aus dieser Begegnung entstand der Auftrag für das Werk, in dem Bach seine Tonkunst drei Jahre vor seinem Tod zu einem Höhepunkt führte.
Elisabeth Weber, Somja Gutdeutsch, Anh Quan Dao (Violine), Florian Richter (Viola), Stephan Forck (Violoncello) und Frithjof Martin Grabner (Kontrabass) meisterten die Herausforderung ganz hervorragend: Technisch war das Ensemble fehlerlos, bei einem Werk wie dem „Ricergar“ kommt diesem Aspekt eine besondere Bedeutung zu, nicht nur, weil Kammermusik ohnehin keinen Fehler verzeiht.
Eine mindestens ebenso große Leistung war die gelungene Interpretation, die der Intention des Komponisten, seinem Herrscher zu gefallen, sicher entgegengekommen ist. Es ist eine Komposition, die gefallen will und soll, dem Mühldorfer Publikum gefiel sie, es war am Applaus zu erkennen.
Der nächste Punkt gehörte Hermann Goetz und seinem Quintett für Violine, Viola, Violoncello, Kontrabass und Klavier. Goetz, der bereits mit 36 Jahren einer Tuberkuloseerkrankung erlag, galt zu seiner Zeit als großes Talent in der Kompositionstechnik. Sein Stil war klar, eher konservativ, Schumann und Mendelssohn oder Mozart lagen im näher als die Musik seiner Zeitgenossen wie Liszt, Wagner oder Brahms.
Dennoch hatte er Erfolg zu Lebzeiten, danach allerdings verschwand er von den Programmplakaten, selbst seine hörenswerte Oper „Der widerspenstigen Zähmung“, die noch mit Erfolg gespielt wurde, ist heute nur noch echten Kennern des Genres ein Begriff. Dass Goetz aber immer noch gefallen kann, wurde im Haberkasten deutlich: Die Klarheit und Stringenz der Komposition, das hohe Niveau der Tonsetzung wurde vom Ensemble ganz hervorragend umgesetzt.
Mit Respekt vor der Komposition und vielleicht auch mit dem Willen, das große Können des Komponisten, den Kritiker nach seinem Tod schon einmal als „Kleinmeister“ bezeichneten, dem Publikum näher zu bringen, entlockten sie dem Quintett dessen tiefer gehende Schönheit, ein Funke, der auf das Publikum übergriff: Es gab begeisterten Applaus und Bravo-Rufe.
Zum unerwarteten Höhepunkt des Abends geriet nach der Pause das Werk des Musikers und Komponisten Stefan Schäfer. „The Owl“, die Eule , war das Ergebnis eines Kompositionsauftrages, den Schäfer vom Musikverein der Stadt Quickborn erhalten hatte. Der nachtaktive Raubvogel ist das Wappentier der Stadt im Norden Deutschlands. Stefan Schäfer begleitet die Eule musikalisch bei ihrem Flug durch die Nacht, problemlos lässt der Komponist Erinnerungen George Gershwin ebenso zu wie legendäre musikalische Sequenzen aus Hitchcock-Filmen, Klassik mischt sich mit Jazz, aber das alles gibt kein Durcheinander, sondern ein geniales Stück Musik, bei dem der Komponist, selbst Kontrabassist, nur eine Richtschnur hatte: Der Flug geht durch die Nacht, es ist dunkel – der Bass-Teppich macht es den Ohren deutlich. Am Ende gab es einen regelrechten Beifallssturm, die Intention des Komponisten fand beim Publikum einen ebensolchen Anklang wie die gekonnte Interpretation durch die Dozenten der Sommerakademie, die dann aus der „Eule“ sogar noch eine Zugabe spielen mussten.
Ein hörenswerter
Konzertabend
Es war ein gelungener, hörenswerter Konzertabend, der vor allem eines unter Beweis stellte: Für große Musik und große Interpretation muss man nicht den Weg in Münchner Konzertsäle einschlagen, die gibt es im Rahmen der Sommerakademie auch vor Ort im Haberkasten. krb