Ein Leben in Noten nacherzählt

von Redaktion

Monika Drasch feiert im Haberkasten den 150. Geburtstag von Emerenz Meier

Mühldorf – Ein buntes Potpourri wurde jüngst im ausverkauften Haberkasten geboten: Musik vom Feinsten, garniert mit Gedichten und Briefen von Emerenz Meier, aber auch von dem mit ihr befreundeten Dichter Hans Carossa und von ihrer Gönnerin Auguste Unertl. „Die Gedichte singen wir, die Briefe lesen wir vor“ – so eröffnete Monika Drasch den begeisternden Abend.

Schriftstellerisches
Wunderkind

Monika Drasch war mit zwei Musikern in die Kreisstadt gekommen, begleitet wurde sie von Alex Haas und Johannes Mayer, galt es doch, Geburtstag zu feiern, nämlich den der Bayerwalddichterin Emerenz Meier, neben Lena Christ die bedeutendste bayerische Volksdichterin.

Emerenz war im Jahre 1874 in Schiefweg bei Passau geboren worden: „Sie besuchte die Volksschule, mehr war damals für Frauen nicht möglich. Mit sechs Jahren las sie Goethe und Schiller und sie lernte Latein bis zur dritten Deklination“ – so führte Monika Drasch das schriftstellerische Wunderkind ein. Der Vater hatte ihr das Lesen verboten, erst als die ersten Fünferl, also das erste Geld, eintrudelten, änderte er seine Meinung.

Mit dem verdichteten Vierzeiler „Auf geht’s, Buam, lustig sei“ beginnt das Konzert. Die Frontfrau der Formation – rote Haare, grüne Geige und grünes Dirndl sind charakteristisch – ist mit einer glockenklaren Sopranstimme gesegnet. Sie singt und sie spielt eben diese Geige, aber auch die Querflöte und den Dudelsack. Mittlerweile lebt sie am Ammersee. Die hervorragende Musikerin war früher Mitglied des „Bayrisch-Diatonischen Jodelwahnsinns“ und sie hat auch schon zusammen mit Hubert von Goisern und Hans Well von der „Biermösl Blosn“ gespielt.

Johannes Mayr, aus Bonn angereist, spielt Akkordeon, Gitarre und die Nyckelharpa – ein schwedisches Instrument, das von Monika Drasch als „Bratsche mit Resonanzsaiten“ beschrieben wird.

Johannes Mayer streicht mit einem Bogen darüber, zupft sie genauso, drückt ihre Tasten – und entlockt ihr so die herrlichsten Töne. Alex Haas, er kommt aus NRW, glänzt mit Kontrabass, Gitarre und Banjo.

Musste Goethe
Stuben schrubben?

1906 ist die Not im Bayerischen Wald so groß, dass Emerenz Meier mit ihrer Mutter auswandert. „Ins Amerika“, wie sie selbst es schreibt. Sie landet in Chicago. Der Vater hatte diesen Schritt bereits kurz vor der Jahrhundertwende vollzogen. 1907 heiratete sie in Chicago Josef Schmöller, der Ehe entstammt Sohn Josef, den Monika Drasch „als sehr beliebt“ bezeichnet. Er spielte die Ukulele, die damals in Amerika sehr populär war.

So wird auch ein eher einem Countrysong ähnelndes Lied gespielt, Alex Haas nennt es „Amerikanischen Frohsinn“ und fasst es kurz zusammen: „Mann besucht Freundin, Mann jodelt, Mann erlegt Klapperschlange, Mann jodelt.“

Hans Carossa, Dichter und Arzt, war in Emerenz verliebt. Er schrieb: „Ich hörte nicht auf, dieses Bauerndirndl zu bewundern, ich wollte sie besuchen.“ Emerenz dazu: „Der wird schon no.“ Leider endet die Freundschaft mit einem Streit, der bis zum Tod von Emerenz im Jahre 1926 zu Carossas Leidwesen nicht beigelegt wird.

Es folgen ein vertontes Liebesgedicht und ein bayerisches Lied, in dem nachgefragt wird, ob Goethe Stuben hätte scheuern müssen. Hier wird die fehlende Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau eingefordert.

Auch das Jodeln beherrscht das Trio: „Sah ins Tal hinaus, traumhaft stand dein Haus, tiefer träumend schlief ich wieder ein“, heißt es da. Mit einem Zwiefachen geht es weiter und dann wird ein „Säumer“ musikalisch beschrieben, ein altes Wort für einen, der sich nachts im Grenzgebiet herumtreibt und schmuggelt. „Grenzen faszinieren“, sinniert Monika Drasch. „Für den einen sind sie gefährlich, für den anderen Hoffnung. Das ist heute noch so.“ Auch nach Osteuropa sind die Menschen ausgewandert, darum folgt ein rumänisches Lied, bei dem das Publikum zwei Töne mitsummen darf.

Aber vor allem Amerika, das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, ist das Ziel der Emigranten. 1906 sang man in Bayern: „Jetzt ist die Zeit und Stunde da, wo wir reisen nach Amerika. Kommen wir nach Baltimore, stecken wir die Hände empor und singen laut ‚Victoria! – jetzt sind wir in Amerika.“

Alex Haas setzt mit einem spanischen Lied fort, das endet mit „Jetzt mach ma Pause.“ Nach dieser ziehen die drei mit Gitarre, Banjo und Dudelsack wieder in den Saal. Nun kommt der zweite Teil des „Amerikanischen Frohsinns“, wieder mit Kurzbeschreibung von Alex Haas: „Mann ist schwerer Trinker, Mann liebt schönstes Mädchen der Stadt, das will ihn zum Aufhören mit dem Trinken bewegen“. Das Ende: „Mühldorf is schee.“

Schwedisch geht es weiter, denn Emerenz hat den Schweden John Lindgren in ihrer zweiten Ehe geheiratet, mit ihm fand sie ihr Glück. Ihr erster Ehemann war 1910 an Tuberkulose gestorben.

Johannes Mayr beschreibt die Stadt „Chicago“, in der beide leben: „Große Viehmärkte mit Ochsen, Eisenbahnen, hohe Häuser. Weil es keinen ‚Snus‘, das ist schwedischer Kautabak, gibt, rauchen die Bewohner Chicagos Zigarren.“ Dazu spielt Johannes die bis dato vielen Gästen unbekannte Nyckelharpa (er baut dieses wunderbare Instrument auch selbst), „eine Art Bratsche mit Tasten und Resonanzsaiten. Die Saiten sind tiefer gelegt, so wie ein guter, alter Manta“, wie sie Monika Drasch beschreibt. Johannes Mayr benutzt meist einen Bogen, zupft aber auch und drückt Tasten an der Nyckelharpa.

Tod im Alter
von nur 53 Jahren

1923 schreibt Emerenz Maier: „Ich schreibe und dichte nicht mehr, weil es hier kein Geld einbringt.“ Es gibt erneut einen Jodler und „Mir wird die Zeit so lang, was soll ich machen“. Das sagte Monika Drasch ihrem Sohn während der Pandemie, das sei das Beste, was man haben könne, aber er glaubte ihr das nicht. Emerenz Meier stirbt 1928 in Chicago an einer Nierenentzündung. Sie wurde nur 53 Jahre alt.

Mit einer Mundartballade geht es weiter, in der eine Kutscherin mit ihren Ochsen spricht – über einen geplanten Mord, sie will ihren „Mensch“, ihren Partner, mit einem Messer töten. Ein vertontes Gedicht bildet das Ende des mitreißenden Abends: „Im Hollerbusch ein Vöglein sang“. Zwei Zugaben gibt es ebenfalls: „Ja, i bin von am Waidlerdorf“ und der gemeinsame Jodler „Hollereidulio, hollero“.

Nach zwei Stunden bester Unterhaltung geht man zufrieden nach Hause – man hat ein Konzert der besonderen Art erlebt. hra

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