Mühldorf – Frank-Markus Barwasser ist zurück. Nach fast fünf Jahren kehrt er mit seiner Kultfigur Erwin Pelzig in den ausverkauften Mühldorfer Stadtsaal zurück. „Der wunde Punkt“ heißt das aktuelle Programm. Darin war er schon immer gut – den Finger in die Wunde zu legen.
Natürlich hat der Franke, 1960 in Würzburg geboren, auch seine Kumpels mitgebracht, den immer etwas abgehobenen Dr. Göbel, dessen bis dato nicht genannter Vorname enthüllt wird, und den eher als Proleten zu bezeichnenden Hartmut. Nachbar Lutz, eher ein pessimistischer Schwurbler, wird neu eingeführt und gelegentlich zitiert. Eine Beschreibung von Lutz gefällig? „Ein Kerl wie du und ich, ein weißer Mann mittleren Alters, vermutlich heterosexuell, vermutlich nicht praktizierend.“
Bühne und Outfit des Künstlers sind gleich geblieben, minimalistisch, wie gewohnt: In der Mitte steht ein Tisch mit einem Stuhl, darauf ein alkoholfreies Weißbier und ein Mineralwasser. Pelzig selbst: ein Cordhut, ein rot-weiß kariertes Hemd, ein dunkler Trachtenanzug und sein „Täschli“ an der rechten Hand.
Mit alten und
neuen Bekannten
„Am 20. Februar 2020 war ich zum letzten Mal hier in Mühldorf – kurz vor Corona Geburt. Seit der Pandemie sind die Menschen merkwürdiger geworden. Ich nicht – ich war schon immer so.“ Die vielen Krisen beunruhigen den Kabarettisten – Ukraine- und Gazakrieg, China-Konflikt mit Taiwan, Hochwasser, Wahlen im Osten, Errichtung eines Kalifats in Deutschland: „Über all das spreche ich nicht – sie wollen einen lauen Mühldorfer Sommerabend genießen. Wegen der Krisen hat mir ein Zuschauer geschrieben, ich solle nicht so negativ sein, er möchte sich am liebsten aufs Gleis legen. Meine Antwort: Da müsste erst einmal ein Zug kommen.“
Auch Hubert Aiwanger wird attackiert: „Der hat während Corona 90000 Wischmobs bestellt. Wofür? Das weiß er selber nicht – man sollte den Bruder fragen.“ Die Bundeswehr ist Pelzigs Beobachtungen zufolge veraltet und bekommt jetzt ein Sondervermögen im dreistelligen Milliardenbereich: „Sondervermögen – ein anderes Wort für Schulden“, so Pelzig. „Oft fährt man an Wertstoffhöfen vorbei und merkt erst hinterher: Das war ja eine Kaserne.“
Muslima neben
dem Neonazi
Pelzig ist fasziniert, welch unterschiedliche Menschen sich seit der Pandemie in Deutschland nach dem Motto „Wir haben nichts zu sagen, aber wir hassen die gleichen Leute“ versammelt haben: Pazifisten und Schläger, Veganer und Audi-Q7-Fahrer, Waldorf-Lehrer und fahlwangige Reichsbürger, eine voll verschleierte Muslima während Corona – ohne Maske – neben einem Neonazi. „Solange er friedlich ist“, meinte die Frau dazu. Pelzig sagt dazu: „Wer an friedliche Nazis glaubt, der glaubt auch, dass man After Eight nicht vor 8 Uhr essen darf.“
Mehrere Statistiken werden bemüht: Ein durchschnittlicher Mann wird am Starnberger See etwa sechs bis acht Jahre älter als einer in Pirmasens. Pelzig fuhr für zwei Tage nach Pirmasens und stellte fest: „Naja, der Pirmasenser muss auch nicht länger leben.“ In Pirmasens tritt Pelzig übrigens nicht auf.
Zitate baut Barwasser gerne in sein Programm ein. Neu ist, dass er diese nicht selbst vorträgt, sondern eine schöne Frauenstimme vom Band dies erledigen lässt. Ein Beispiel: „Albert Einstein hat gesagt: ‚Wenn die Menschen nur über das sprechen würden, was sie verstehen, dann wäre es auf der Welt sehr still.‘“
Um Kränkungen geht es an diesem Abend auch. Ein Maurerlehrling in Österreich schoss seinem Meister mit einer Pistole ins Auge. Gefragt, warum, kam die Antwort: „Weil er mich nicht gelobt hat.“ Erwin Pelzig dazu: „Loben Sie also, so oft es geht. Loben Sie die Klimakleber. Hätte jemand Adolf Hitler für seinen Postkartenkitsch gelobt, so nach dem Motto ‚Hey, Adi, mach nie mehr etwas anderes‘, dann wäre uns vieles erspart geblieben.“ Da bleibt einem fast das Lachen im Halse stecken.
Zweifelsfrei ein Höhepunkt ist immer das Dreiergespräch zwischen Pelzig, Hartmut und Dr. Göbel. In Windeseile wechselt Barwasser zwischen den drei Charakteren hin und her, jeder hat eine andere Stimmlage. Auch hier geht es um das Loben, man erfährt den bisher nicht bekannten Vornamen von Dr. Göbel: Roderich. Hartmut schmeißt sich deswegen fast weg: „Roderich – so ein Name ist Kindsmisshandlung!“
Auch Zuschauer werden ins Programm eingebunden, dieses Mal waren es mit Marianne und der dreifachen Mutter Vera allerdings nur zwei. Kinder kränken und beleidigen oft ihre Eltern, so stellt es der Franke fest: Die Tochter von Alexander Gauland ist Pfarrerin in Hessen, Albert Speers Sohn zog vier Jahre nach des Vaters Tod in einen demokratischen Landtag ein. Albert Speer war Hitlers Baumeister.
Auch auf Frauen geht der Meister ein und wie schwer sie es haben: „Frauen machen 50 Prozent der Weltbevölkerung aus. Es haben aber von 204 Staaten auf der Erde nur 28 ein weibliches Staatsoberhaupt oder eine Regierungschefin. Als die Queen starb, musste ich sie weinend von der Liste streichen. Als später Liz Truss zurücktrat, da weinte ich auch – Freudentränen.“
Marianne und Vera dachten wohl beispielsweise, die Justitia sei eine Frau. Nachbar Lutz dagegen klärt auf: „Falsch, sie ist keine Frau, sie trägt keine Küchenwaage.“ Ursula von der Leyen bekommt auch noch ihr Fett ab: „Als Ministerin hat sie die Familien und die Bundeswehr kaputtgemacht. Dann war sie wohl bei der Kinsey-Beratung – und jetzt wartet Europa auf ihren Todesstoß.“
Nicht jede Pointe
findet ihr Ziel
Später gerät Pelzig auch mit seiner schönen Frauenstimme in Streit, bei ihren Zitaten vermissst sie Frauen und klagt ihn an: „Was maßt du dir eigentlich an, du fränkischer Konsonantenschinder?“ Am Ende versöhnen sich beide jedoch wieder. Man ist sich einig, dass die künstliche Intelligenz wohl der Todesstoß für den Homo sapiens ist. Pelzig rät, es statt KI vielleicht einmal mit Freundlichkeit zu versuchen.
Mit einigen „Ergänzungen“ endet das überzeugende Programm kurz vor 23 Uhr – beim Pelzig bekommt man für sein Geld schon etwas geboten: Intelligentes politisches Kabarett auf höchstem Niveau, auch wenn gelegentlich die ein oder andere Pointe des Guten zu viel ist und übers Ziel hinausschießt.