Nostalgischer Wendeverlierer entlarvt Wessi

von Redaktion

Beginn der Theatersaison im Haus der Kultur mit dem Stück „Nebenan“

Waldkraiburg – Er komme gerade von nebenan, führte Regisseur Thomas Luft das Publikum im gut besetzten großen Saal des Hauses der Kultur ein. Das Ensemble „Theaterlust“ aus dem benachbarten Haag gastierte mit dem Stück „Nebenan“ in Waldkraiburg, manchem schon bekannt vom Film, den Schauspieler Daniel Brühl mit Autor Daniel Kehlmann produzierte. Zusammen entschlossen sie sich, das Drehbuch in ein dramatisch-komisches, raffiniert-geistreiches Theaterstück umzuwandeln, das die Besucher in einem Durchgang ohne Pause in eine Eckkneipe im Prenzlauer Berg in Berlin entführte.

Große Themen in
kleiner Eckkneipe

Etwas trostlos wirkt das Lokal, fast altmodisch, mit dem grellbunten Glücksspielautomaten und Wirtin Hilde (Barbara Seeliger) in Leo-Leggins, herzlich besorgt um ihre Gäste wie den Stammkunden Micha (Dirk Wäger), dem sie Münzen spendiert, und auch dem alteingesessenen Bruno mal ein Bier.

Da erscheint Strahlemann Daniel, Schauspieler der zweiten Garde, der wegen seiner Rolle im Film „Daneben“ nach London fliegen will. Den Nachbarn Bruno kennt er nicht, obwohl beide im selben Haus wohnen. Der eine im schicken Eigentums-Luxus-Loft, in dem Brunos Vater lebte, bevor er von einem Immobilien-Hai ‚rausgekauft‘ wurde und so der Gentrifizierung zum Opfer fiel. Das heißt, der Verdrängung einkommensschwacher Haushalte durch Wohlhabende.

Und so fängt der frühere Ossi beharrlich, ja penetrant an, das Leben Daniels Stück für Stück aufzudecken. Komödiantisch aufgelockert wird das Geschehen in der Kneipe vom Auftauchen eines Taxifahrers, eines Fans, Daniels Ehefrau, die Ärztin Clara, einem Rollstuhlfahrer, einer Prostituierten und einem Polizisten – alle fünf Rollen geschickt und wendig umgesetzt von Genoveva Mayer.

Bruno, früher Schlagersänger in einer DDR-Band, jetzt Kartensperrnummer- Telefonist einer Bank, lässt seiner aufgestauten Wut freien Lauf: Er kritisiert Daniels Schauspielkunst, führt dies mit ihm zusammen sogar in einer recht unterhaltsamen Szene aus dessen Film vor und bald geht es ans Eingemachte: Er weiß erstaunlich viel über dessen Leben, auch pikante Details, wann er wo war, dass er zum Beispiel etwas mit einer 16-Jährigen hatte und seine Frau neun Jahre lang mit seinem Filmproduzenten Morton liiert war. Brunos mieser Job gab ihm Einsicht in diverse Konten der Familie und dieses Wissen verleiht ihm die Macht, deren komplette Lebenslüge nach und nach aufzudecken.

Dabei übertreibt Bruno nie und ist mit seiner eindringlichen Stimme eher süffisant-betulich. Die Wessi-Fassade verliert ihren Glanz, der Wessi-Schnösel kollidiert mit dem Ossi- Wutbürger – ein Schlagabtausch, bei dem sich am Ende Daniel (Oliver Bürgin) bis zur Ohnmacht steigert und zu Boden geht, wohin das Leben den anderen schon lange gespült hat.

Zeitgeschichte
mit aktuellem Bezug

Bruno – großartig verkörpert von Herbert Schäfer – hat sich zwar gerächt. Doch sein Leben ist nicht viel besser als zuvor. Eigentlich ist er ein erbärmlich gescheiterter Rächer. Lange anhaltender Applaus für ein großartiges Ensemble in einem rasanten eineinhalbstündigen, fesselnden Durchgang mit vielen humorvollen Seitenhieben.

Diese Ungleichheit von Begünstigten im Westen Deutschlands und den aus ihrer Sicht im Osten von Politik und Gesellschaft immer noch im Stich Gelassenen spiegelt wohl etwas die derzeitige Situation nach den Wahlen gerade in Thüringen und Sachsen wider – so die Meinung nicht weniger Besucher nach dieser unter die Haut gehenden Theateraufführung. Statt eines Nebeneinanders spürt man immer noch zu sehr ein Gegeneinander. erika fischer

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