Kraiburg – Rasch füllte sich der Kirchenraum von St. Bartholomäus in Kraiburg, denn der Anlass zu diesem Konzert war für Andreas Miecke der 100. Todestag des französischen Komponisten Gabriel Fauré und der 200. Geburtstag Anton Bruckners. Für dieses Projekt hatte der Leiter des weitum bekannten Chores Vocabile das Ensemble auf 30 Sänger erweitert und weitere namhafte Künstler eingeladen.
Den Dirigenten
immer fest im Blick
Mit Anton Bruckners „Kronsdorfer Messe“, zwar schon 1844 entstanden, jedoch erst 1974 im Stift St. Florian uraufgeführt, bestach VocabilePlus einleitend mit einer A-cappella-Aufführung. Die Orgel stimmte an und nach dem Kyrie setzte als Anfang der Eucharistie das sanfte Sanctus des Chores ein, erfuhr mit dem Benedictus „Christus factus est“ eine Steigerung, wobei besonders der Sopran beeindruckte, und endete im Agnus Dei mit der Bitte „Dona nobis pacem“, von den Sängern ausgewogen vorgetragen.
Einen weiteren Eindruck von der Vielfalt geistlicher Chormusik und gleichzeitig von Gabriel Fauré erhielten die Zuhörer bei der „‚Cantique de Jean Racine“, mit welcher der erst 20-jährige Komponist einen ersten Preis gewonnen hatte. Diesen Ruhm bestätigte Vocabile bei der ambrosyanischen Hymne, unter die sich teilweise sogar atonale Töne mischten, begleitet von Martin Nyqvist, dem bekannten Waldkraiburger Kirchenmusiker, an der Orgel. Nach einer ersten ruhigen Melodie der Singstimmen folgte der sonore Bass mit der Bitte: „Nimm die Lieder an, die wir deiner Herrlichkeit darbringen“, wobei immer wieder die fast gehauchten und trotzdem glasklaren Einsätze des Chors beeindruckten.
Anschließend war im Kirchenraum ein zustimmendes Nicken, ja fast leises Mitsummen festzustellen, als der Chor Anton Bruckners kirchlichen „Locus iste“ anstimmte – den Ort, von Gott geschaffen, ein unschätzbares Geheimnis, von Vocabile rein und voller Intensität vorgetragen. Auch mit „Os justi“, dem Mund des Gerechten, der Weisheit spricht, bewies der Chor von Andreas Miecke, dass er zu den Besten in unserer Region gehört: Gerade die gregorianische Alleluja- Schlusszeile gelang ihm äußerst engagiert und man konnte immer wieder fasziniert feststellen, wie jedes Chormitglied kein Auge von den Anweisungen des Dirigenten ließ.
Als Einstimmung auf die Tage um Allerheiligen empfanden sicher alle Besucher das Hauptwerk des Konzerts, Gabriel Faurés „Requiem op.48“, entstanden Ende des 19. Jahrhunderts und auch auf der Pariser Weltausstellung 1900 aufgeführt. Der vielstimmige Chor brachte es zusammen mit Sopranistin Birgit Kraft und Bariton Alexander Billner sowie Martin Nyqvist an der Orgel zu einer überzeugenden Aufführung mit emotionalem Tiefgang, die wohl bis ins Detail den Vorstellungen des Komponisten entsprach.
So spürte man von Anfang an, dass Fauré seine ureigene Sichtweise auf den Tod in seinem Hauptwerk zum Ausdruck bringen wollte. Den Introitus, den Einzugs-Psalm, begann der Chor verhalten, die Orgel setzte Akzente und teils beschwingt begann das Offertorium, die Gabenbereitung, als Bariton Alexander Billner beim „Hosianna“ ausdrucksstark einsetzte.
Eher sanft kam der Sanctus, und wohl so mancher Gläubige in der Kirche spürte dabei eine Art Austausch mit den Tenören des Chors: „Erfüllt sind Himmel und Erde von deiner Herrlichkeit!“ Dieses Hochgefühl setzte sich fort beim wohl bekanntesten Stück aus dem Requiem, dem „Pie Jesu“, einem Seelenamt für die Verstorbenen. Beim warmen Sopran Birgit Krafts hörte man kaum Moll-Töne, beinahe alles verwandelte sich in ein aufmunterndes Dur.
Das anschließende innige „Agnus Dei“ im Dreivierteltakt lag besonders den Vocabile-Frauenstimmen und beim anschließenden Wechselgesang zwischen Alexander Billner und dem Chor brachte der Bariton das „Befreie mich“ zum Ausdruck, ohne zu dramatisieren, wie es im herkömmlichen Requiem, zum Beispiel von Mozart oder Beriloz, der Fall ist. Vollends überzeugen konnte Faurés Absicht, keinen „Dies Irae“, also einen „Tag des Zorns“ aus seinem Werk zu machen, im siebten Teil. „In paradisum“, in das uns Engel geleiten und Märtyrer erwarten werden, wurde zum wahren Höhepunkt: Das Ensemble Vocabile mit seinen ideal besetzten Stimmlagen vermittelte ein großartiges Hör- und auch Seherlebnis und verstand es, zusammen mit den Solisten und der Orgel in vielen Passagen stimmungsvolle, tröstende Dur-Akkorde zu erzeugen und somit gleichsam das Himmelreich erahnen zu lassen, die christliche Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod: „Bewahre die Seelen der Verstorbenen vor den Tiefen der Unterwelt. Ewige Ruhe sollst du haben.“
Nicht enden
wollender Beifall
Man spürte im Publikum die Zustimmung zu diesem hoffnungsvollen Ausblick, den Fauré selber gab mit seiner Einstellung: „Ich empfinde den Tod als freudige Erlösung und glückliches Streben nach dem Jenseits.“ Der nicht enden wollende Beifall bewirkte, dass Vocabile die „Cantique de Racine“ als Zugabe wiederholte und es bekräftigte, dass dieses Konzert den Zuhörern Höchstleistungen des Ensemble Vocabile und seines Leiters Andreas Miecke geboten hatte, großartig unterstützt von den Sängern Birgit Kraft und Alexander Billner und Organist Martin Nyqvist.