Schwere Historie in lockerer Atmosphäre

von Redaktion

Lesung mit Musik „Helden der Demokratie“ wagt Sprünge in die 1920er-Jahre

Mühldorf – Rund 100 Besucher folgten der Einladung zur szenischen Lesung mit Musik „Helden der Demokratie“ in den Mühldorfer Kulturschupp’n. Die politischen wie wirtschaftlichen Verhältnisse während der 1920er-Jahre haben vier Darsteller anhand von Beispielen aus dem Leben der Menschen leicht verständlich dargestellt. Geschichtszentrum und Museum Mühldorf, Verein Für das Erinnern und der Kulturschupp’n-Verein luden zu der Veranstaltung ein.

In der Ecke steht ein rotes Klavier, dahinter sitzt ein Mann mit weißem Hemd, Stoffhose und Hosenträgern. So stellt Bernd Kohlmann eine Person der 1920er-Jahre dar. Immer wieder spielt er Lieder aus der Zeit, lockert so die Lesung auf. Der 9. November prägt die deutsche Geschichte – positiv wie negativ: 1918 markierte er den Beginn der Novemberrevolution, die den Ersten Weltkrieg beendete. 1923 unternahmen Adolf Hitler und Erich Ludendorff an jenem Tag einen Putschversuch. 1938 fand die sogenannte „Reichskristallnacht“ statt, bei der etliche jüdische Geschäfte und Synagogen zerstört wurden. Schließlich fiel 1989 die Mauer.

In der Lesung konzentrieren sich die beiden Historiker Dr. Markus Schmalzl und Dr. Georg Schulz sowie Kohlmann und Verena Eckardt hauptsächlich auf die 1920er-Jahre, stellen immer wieder Verbindungen zur aktuellen politischen Lage her. Während Schmalzl vorträgt, schlüpfen Kohlmann, Eckardt und Schulz in verschiedene Rollen. Ein Kleiderständer im Hintergrund hält dafür diverse Jacken, Schals und Hüte für ein Umkleiden auf der Bühne bereit.

Schulz schlüpft in die Rollen, unter anderem die der Politiker Gustav von Kahr und Erhard Auer sowie der Schriftsteller Oskar Maria Graf und Klaus Mann. Er hält ihre Reden, liest aus ihren Büchern. Eckardt tritt als die Politikerin und Frauenrechtlerin Ellen Ammann auf. Kohlmann spielt Klavier, gelegentlich stellen er und Schulz eine Szene dar. Zudem reichern die Schauspieler die reinen Daten um Alltagsbeispiele an, beispielsweise die Wohnungsnot in München. Sie berichten über Familien mit fünf oder gar acht Kindern, die in einem einzigen Raum leben. Die Kinder schlafen nebeneinander auf oberer und unterer Platte eines Schneidertischs, dem einzigen Tisch im Zimmer.

Über einen Beamer erscheinen historische Bilder von München und Fotos der dargestellten Persönlichkeiten sowie Statistiken: In den Straßen bettelnde Kriegsversehrte, Daten über den Ausbau der Elektrizität und Zahl der Lichtspielhäuser. Statistiken über queerfeindliche Straftaten im vergangenen Jahr stellen die Historiker einem historischen Bericht über „die Entartung der Jugend“ gegenüber.

Im Publikum rufen eingewiesene Besucher Kommentare zu den Politikerreden ein. Die Frage, wer heute aufstehen würde für Demokratie, hallt hingegen unbeantwortet nach. Das Publikum bleibt nachdenklich zurück. Der Weckruf funktioniert.

Wie schade, dass die Gäste allesamt eher zur älteren Bevölkerungsschicht gehörten. Auch Schüler der Oberstufe hätten das sonst oftmals trocken präsentierte Thema leicht aufnehmen können. Gibt es in Mühldorf keine geschichtsinteressierten Studenten? ahn

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