Gutmensch versus Realist

von Redaktion

Moreth Company zeigt mit „Adams Äpfel“ großes Theater in Waldkraiburg

Waldkraiburg – In der biblischen Schöpfungsgeschichte stehen zwar ein Baum der Erkenntnis und ein Baum des Lebens. Von einem Apfelbaum jedoch ist nichts zu lesen. Auch der Adamsapfel am Hals konnte nicht gemeint sein. Und so war das Publikum im Haus der Kultur neugierig: Was hat es mit dem Stück „Adams Äpfel“ auf sich, das die Moreth-Company unter der Regie von Konstantin Moreth zur Aufführung brachte. Bereits 2006 ist diese Groteske des Dänen Anders Jensen verfilmt worden.

Hiobs Botschaften trennen die Szenen

Der Vorhang öffnete sich und ein Ball spielendes Mädchen hüpfte über die Bühne, das die Antworten des Hiob aus der Bibel gibt: „Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen?“ Diese Figur begleitete das gesamte Stück als Szenentrenner, um immer wieder mit Hiob- Texten darauf hinzuweisen, dass Gott nicht immer gütig ist. Doch da erscheint Pfarrer Ivan (Stefan Murr), einen Schlager trällernd, mit seiner Crew, die er resozialisieren will – der einfältige Gunnar (Michael A. Grimm), auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen, Alkoholiker und Triebtäter, der Araber Khalid (Younes Tissinte), Tankstellenräuber, der bei Überfällen Menschen erschossen hat, und schließlich Adam (Michael Brandl), frisch aus dem Gefängnis kommender Neonazi mit Springerstiefeln und Hitler-Bärtchen, der sofort ein Bild des Führers an die Wand hängt. Er fragt, was er machen soll und Ivan schlägt ihm vor, doch für sie alle einen Kuchen zu backen mit Äpfeln aus dem Kirchengarten.

Wieder kommt kurz Hiob ins Spiel, worauf Poul (Franck Oskar Schindler) auftaucht, 96 Jahre alt und ehemaliger KZ-Wächter, der deswegen ein Leben voller Schuldgefühle hinter sich hat. Ivan stimmt sofort mit unerschütterlichem Glauben „Großer Gott, wir loben dich“ an. Sara Swendson (Nathalie Schott) gesellt sich dazu, schwanger, trotzdem Alkoholikerin, die ein Arzt zu versorgen versucht.

Allmählich kommt auf, dass Gott den Pfarrer mit einem Berg von Schicksalsschlägen überschüttet hat: Seine Mutter starb bei der Geburt, sein Vater ist Vergewaltiger, seine Frau beging Selbstmord, der als Unfall abgetan wurde, denn ihr Sohn Christopher ist schwer behindert. Zudem bedroht ein Tumor Ivans Leben: Der aber leugnet rundweg alles.

Dieses unerschütterliche Gottvertrauen wird Adam zuwider. Er entpuppt sich immer mehr als klarer Realist, der den Gottesdiener fragt: „Und wenn es Gott ist, der dich geprüft hat?“ Schonungslos reißt er Ivans Illusionen ein und die Wirklichkeit bestätigt ihn: Khalid schießt wild drauf los und trifft Ivan versehentlich am Kopf, Gunnar stiehlt immer noch und selbst Adams Ziel, einen Apfelkuchen zu backen, droht zu scheitern: Erst kommen Krähen, dann Würmer und schließlich zerschlägt der Blitz den Apfelbaum. Als Christopher auch noch den Rest der Äpfel verspeist, bringt das Adam zum Ausrasten.

Hat Gott nach all dem wirklich ein Einsehen? Es scheint so, denn Khalids Kugel hat den Tumor in Ivans Kopf zerstört – der Pfarrer ist gerettet, ein Äpfelchen findet sich und damit kann Adam den versprochenen Kuchen backen, was ihn zu einem Freudentanz veranlasst. Alles absurd? Auch die Hinwendung Adams zum Guten: absurd? Eine Art Wunder? In der letzten Szene versammeln sich alle Resozialisierungsteilnehmer noch einmal: Der Glaube an das Gute hat tatsächlich Welten versetzt, hat die Realität abgelöst.

Überquellende Handlung

Dazu passte das Bühnenbild: Nüchterne graue und braune Stellwände und Kästen, projizierte kreischende Krähen und Würmer vermitteln eine skurrile Welt, in der die überquellende Handlung manchmal explodiert, jedoch schließlich eine wundersame Atmosphäre verbreitet. War es eine Komödie oder nur Groteske? Das Publikum war auf alle Fälle enorm gefordert bei diesem intelligenten Stück, das jedes einseitig ausgerichtete Weltbild erschüttert, aber auch Lichtblicke in ein Dunkel wirft. Großartig die beiden Hauptakteure Ivan und Adam zusammen mit dem gesamten Ensemble, das im Sekundentempo immer wieder in andere Rollen schlüpfte. Dies belohnten die Zuschauer mit kräftigem, lang anhaltendem Applaus, der zum Schluss mit lauten Bravo-Rufen noch verstärkt wurde.

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