Waldkraiburg – Man kann es nicht oft genug hervorheben: Welches Museum in der näheren und weiteren Umgebung ist immer wieder so mit Leben gefüllt wie die Sammlung Peter Schmidt in Waldkraiburg? So gab es auch kürzlich erneut ein volles Haus, als die Aktion „Leseglück“, die zwei Monate lang in fünf Landkreisen durchgeführt wurde, in Waldkraiburg mit einem Höhepunkt endete, das Literatur und Musik vereinte. Museumsleiter Andreas Seifinger konnte zum Abschluss das hochkarätige Duo Gerd Anthoff und Lothar Lägel begrüßen.
Ein Mann
fürs Klischee
„Ich frag‘ mich immer wieder: Wann hat der Ganghofer das alles geschrieben?“, meinte Anthoff einleitend, der den facettenreichen Autor so vorstellte: Naturkenner, begehrter Gesellschafter, Kriegsberichterstatter mit wenig politischem Instinkt, ein Mann fürs Bayern-Klischee, bodenständig und Salonlöwe zugleich.
Dazu Lothar Lägel als Anthoffs ausdrucksstarker Unterstützer an der Zither, der zu jeder Geschichte einen virtuosen Beitrag bot.
Dies geschah schon ab der ersten Lesung „Der Zitherspieler“ mit dem Zwist zwischen dem jungen Pauli mit ‚schlankem, sehnigen Körper, auf den die Kienfackel ihr loderndes Licht warf‘ und dem Toni, der ihm wütend die Zither entriss.
„Der Pauli spielte zunächst ungehört, doch was die Saiten sangen, schlich der Nanni warm ins Herz“, zitierte Anthoff. War das nun Kitsch oder Poetenkunst, als „dem Mädel Zähren in die tränenden Augen kamen“?
„Ganghofer pflegte durchaus einen eleganten Erzählstil“, so Anthoff, teils Fan, teils Kritiker des Autors. Dies traf auch auf die Volksgroteske zu, zu der Lägel mit einer heiteren Melodie überleitete.
Im „Lebenslauf eines Optimisten“ wird die Geschichte vom Forstgehilfen Xaver erzählt, der sich in die Wirtstochter Babettle verliebt, doch die Eltern bestimmen einen reichen Bauernsohn als Bräutigam.
Xaver aber rächt sich beim Hochzeitsmenue, indem er als ‚abgedankter Liebhaber‘ das Erleichterungsmittel Fuchsleber ins Essen mischt und so eine „katastrophale Lawine auf die Festgäste zurollt“ – von Anthoff exzellent vermittelt und von Lägel mit turbulentem Zitherspiel interpretiert.
„Da Ganghofer mit 59 Jahren zu alt war und als untauglich für den Kriegsdienst eingestuft wurde, machte er Karriere als Kriegsberichterstatter und wurde Lieblingsreporter Kaiser Wilhelms II.“, so Anthoff, „und Karl Kraus widmete in seinem Antikriegs- Epos ‚Die letzten Tage der Menschheit‘ Ganghofer sogar eine Szene, in der die „Dicke Berta“ eine Rolle spielte.
Der Kaiser aber bedrängte den Poeten immer wieder nur mit dem Befehl: „So nehmen Sie doch vom Zwieback und trinken Sie den Tee!“ „Ganghofers Kriegsberichte verherrlichten vieles, aber draußen lagen die Toten“, so Anthoff, das Ganze von Lägel ins Lächerliche gezogen mit „Wir wollen unsern alten Kaiser Wilhelm wieder haben“, „Gar lustig ist die Jägerei“ und „Hänschen klein ging allein“.
Das faszinierte Publikum erfuhr überdies nach dem Gesangsduett „Almenrausch“ der beiden Interpreten auch vom Wohlstand Ganghofers, der zwei Wohnhäuser mit 28 Bediensteten und Tennisplätze besaß und von Jagden erzählen konnte, auf denen 25 Hirsche geschossen worden waren.
Zum Abschluss präsentierte Gerd Anthoff die anrührende „Moritat von Herzmansky, dem Getreuen“, einem Dackel, der eigentlich schon das Gnadenbrot genoss und trotz „Hochgepäppel seinem Herrn mit zunehmender Greisenhaftigkeit mühsam nachzottelte“, einen Anschlag von Schraubenhauser mit rauchender Zündschnur überlebte, der seinerseits mit seinen 104 Kilo nicht gerne in die Luft flog – nur der Dackel will und will nicht abtreten.
Zitherspiel aus
„Der dritte Mann“
Lothar Lägel ergänzte dies mit seiner beeindruckenden Version der Harry-Lime-Melodie vom „Dritten Mann“. Da war es kein Wunder, dass der minutenlange Beifall für die beiden Interpreten nicht enden wollte. fis