Das sinnlose Konzept der Liebe

von Redaktion

Musikpianistin Anna Piechotta im Haberkasten mit stehenden Ovationen gefeiert

Mühldorf – Die Kabarettpianistin Anna Piechotta dürfte eigentlich auch in der Region keine Unbekannte sein. 1997 gewann sie den Wettbewerb „Jugend komponiert“, 1999 siegte sie beim Wettbewerb „Bunte Bühne“ in Rheinland-Pfalz, 2003 belegte sie den dritten Platz bei „Song Live Creative Pop“ in Hamburg. Seither hat sie so gut wie in jedem Jahr einen Kleinkunst- oder anderen Preis gewonnen – nicht zuletzt 2023 die Auszeichnung mit dem Bayerischen Kabarettpreis in der Kategorie Musik. Doch in den Haberkasten verirrten sich zu ihrem Programm „Liebeslieder zum Entlieben“ gerade einmal gut 60 Interessierte – nur einer von ihnen war die Künstlerin, nach eigener Umfrage zu Beginn der Show, bereits vorher bekannt. Keine leichte Bühne also, doch die Routinierin bekam am Ende sogar „standing ovations“.

Publikum schnell auf ihre Seite gezogen

Eine Künstlerin, zumal eine Kabarettistin, hat es vor neuem Publikum nicht leicht. Erst recht, wenn sie nicht aus der Gegend kommt und mit dem regionalen Humor nicht so vertraut ist. Doch die in Heidelberg geborene Anna Piechotta machte sich im Haberkasten einen Vorteil zunutze: die 43-jährige Mutter einer Tochter lebt seit Langem in Rheinland-Pfalz, genauer in Cochem an der Mosel, wo es mit 65 Prozent einen ähnlich hohen Katholikenanteil gibt wie bei uns. Zudem suchte sie von Beginn an den Kontakt zu ihrem Publikum, das auch gleich mit eingebunden wurde. Gesucht war beispielsweise ein Ehepaar, das Piechotta mit 41 Jahren glücklicher Zweisamkeit auch schnell gefunden hatte. Schließlich hatte es sich die Sängerin zum Programm gemacht, mit ihren Texten die Sinnlosigkeit des Konzepts „Liebe“ aufzuzeigen und das war bei derart dankbarem Publikum nicht schwer.

Entlieben kann man sich aber nicht nur vom Gatten oder der Gattin, sondern auch von den eigenen Kindern, von Gott oder gleich von der ganzen Welt, wie Piechotta mit den passenden musikalischen Stilrichtungen untermauerte: Einmal lagen den witzigen Texten Kinderlieder zugrunde, ein andermal schmetterte die Sängerin mit ihrer kräftigen, geschulten und wohlklingenden Stimme einen Gospel im Stil von James Brown überzeugend ins Publikum. Andere Lieder überzeugten tragik-komisch bis hin zu nachdenklich stimmend, wie beispielsweise der letzte Song, der laut der Künstlerin eine Uraufführung war, für den sie nach zwei Stunden Programm stehende Ovationen erhielt. Dabei wurden die einzelnen Lieder immer suffisant anmoderiert. Man merkte, allerdings keineswegs unangenehm, dass die Kabarettistin nicht selten improvisierte, um die Pointen publikumsgerecht abzuliefern. Denn wenn auch nicht jeder Versuch gelang, das Publikum zum Mitsingen eines Refrains zu bewegen, so merkte man doch, dass sie eine Reihe von Zuhörern regelrecht in ihren Bann gezogen hatte.

Den Rest des Publikums konnte Anna Piechotta mit anderen Showeinlagen begeistern oder auflockern, die sie selbstironisch darbot. Wie mit einem Purzelbaum oder einem Spagat. Auch künstlerisch gelang der Kabarettpianistin, den Abstand zwischen dem auf Kult-Bühnen in Großstädten erprobten Programm zum Mühldorfer Publikum zu überbrücken. Wenn eine Spitze unterging, schien dies die die Künstlerin umso mehr anzuspornen, sodass es nicht lange dauerte, bis eine neue Pointe zündete.

„ Zu viel
Emotionen“

Nach der Konzertpause wurde es dann glamouröser und kritischer und man merkte, dass sich Künstlerin und Publikum immer näher kamen. Man lernte beispielsweise Erstaunliches über Frettchen und die Eigenheiten slawischer Sprachen und wie man sich das Rauchen abgewöhnen muss. Auch gab es einige neue Songs vom neuen Programm „Zu viel Emotionen“, mit dem sie seit Ende 2024 unterwegs ist, zu hören. Genau wie die Weltaufführung der melancholisch stimmenden Ballade „Deine Worte“, die das Publikum zum Abschluss, wie bereits erwähnt, regelrecht vom Hocker gehauen hat. Neun Stunden lang mit der Bahn nach Mühldorf angereist, hat Anna Piechotta jedenfalls mehr als zwei Stunden lang alles dafür getan, um beim nächsten Gastspiel im Haberkasten ein ausverkauftes Haus zu haben.

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