Neumarkt-St. Veit – Du fährst durch beide Tore, aber dann nicht geradeaus Richtung Landshut, sondern…
Neumarkts Kulturbahnhof ist leicht zu finden. Aber bei Dunkelheit? Also lieber früher als nötig daheim wegfahren. Ab sieben Uhr ist Einlass. Um halb acht beginnt die Veranstaltung. Noch ist nix los vor dem Kulturbahnhof. Ein junger Mann weiß den Haupteingang. Trägt eine Warnweste. Hallo, wieso denn das? Er ist zu Fuß unterwegs, wohnt im Ort. Und freut sich sichtlich auf das Konzert „Musical & more“.
Die Warnweste behält er an. Man kann ja nie wissen! Sich in einer Menschenmenge im Bahnhofs-Konzertsaal zu verlieren, ist nicht zu befürchten. Punkt halb acht waren noch viel zu viele Sitze frei. Wovon sich aber weder Dirigent André Philipp Gold noch die rund 30 kurz vor dreiviertel acht einlaufenden Chormitglieder und die beiden Instrumentalisten aus der Ruhe bringen ließen. Sie gastierten am Abend zuvor in Bad Birnbach. Da waren entschieden mehr Besucher gekommen, berichtet Mutter Gold.
„Disney on Stage“, den ersten Konzert-Teil von nicht weniger als 15 Songs, teilte André Gold in drei „Sections“. Und begann mit dem Stück, das nach 60 Minuten plus Verschnaufpause noch so sehr nachhallte, dass es als Zugabe erbeten und dreimal so beschwingt als zu Beginn prompt geliefert wurde: „Circle of Life“ aus dem Musical „König der Löwen“, besser: „The Lion King“, denn alles kam ja an diesem Abend in Englisch. Was nicht eben zum vollen Text-Verständnis der teils bekannten, teils unbekannten Musical-Specials beitrug. Ein Text-Blatt mit Herkunft-Infos? Na ja. Das wäre zu viel Aufwand gewesen.
Die bestens aufgelegte, sich mutig ins Zeug legende Alexandra Dorsch, die als „Prima inter pares“ auftrat, interpretierte „Memory“ aus Andrew Lloyd Webbers „Cats“ und „Ich hätt getanzt heut Nacht“ aus „My Fair Lady“ top ohne flop. Valentina Rathmann hatte noch ein wenig Schwierigkeiten, bei „On my own“ aus „Les Miserables“ textlich mit der großartigen Pianistin Afroditi Stein-Stylianidou (Gold: „Sie spielt für 50 Musiker!“) mitzuhalten. Mehrmals versuchte die Sängerin, ihr schmachtendes „I love him“ anzubringen, bis es dann doch klappte. Wie sie die kleine Panne überspielte – alle Achtung. Das Publikum stärkte ihr freundlich mit Applaus den Rücken.
Super gelang der Teil „Westside Story“ nach der Pause – von „Something is Coming“ über „Maria“ (mit den Glanz-Burschen Kilian Regau und Maxi Matheis) und „I feel pretty“ oder „America“ bis „Somewhere“. André Gold brach eine Lanze für den verehrten großen Komponisten Leonard Bernstein. Zuviel Herz-Schmerz? Überhaupt nicht. Golds pfiffig arrangiertes Konzert kam so gut an, dass man gerne noch mehr gehört hätte. Zumal die Chöre sich zusehends stärker formierten. Allen Ausführenden, mit denen Gold das Programm toll hinbekam, der famosen Pianistin sowieso, aber auch Simon Oberhaizinger am Schlagzeug, hätten die langstieligen gelben Rosen als Dank für freudvolles Singen verabreicht werden müssen: dem Campus Chor Burghausen-Mühldorf der TH Rosenheim und der kleinen Singgemeinschaft mit dem Namen (nomen est omen) Feinklang Neuötting.
Einheits-Schwarz mit orangenen Tupfern drauf und, wenn’s grad passt, ein Strohhut für die Männerriege: Das Chor-Outfit war perfetto! Und was sang man herzzerreißend zum guten Ende? „Es gibt einen Ort für uns, irgendwo einen Ort für uns, Frieden und Ruhe und freie Luft warten auf uns irgendwo“. Eine Warnweste war nicht nötig, um in Neumarkt-St. Veit vom Kulturbahnhof im Dunklen schadlos nach Hause zu kommen. Hans Gärtner