Waldkraiburg – Die zunächst zurückhaltenden Besucher im Haus der Kultur hatten wohl Bert Brechts Anliegen auf Anhieb erkannt: Er wollte mit seiner „Dreigroschenoper“ keineswegs unterhalten, wollte keine romantischen Illusionen bieten, sondern die Zuschauer durch Verfremdung auf Distanz zum Bühnengeschehen halten und dadurch zum Nachdenken zwingen. Doch sehr bald löste sich dieses Verhalten mit den ersten Songs und dem überquellenden Bühnengeschehen.
Jeder schaut nur
auf seinen Vorteil
Brecht hatte zusammen mit Elisabeth Hauptmann aus der Londoner „Beggars Opera“ die Geschichte von der Halb- und Unterwelt übernommen, in der jeder Beteiligte nur zum eigenen Vorteil handelt: Geschäft und Triebe sind die vorrangigen Kräfte, Armut wird zum Wirtschaftsfaktor.
Unternehmer Jonathan Peachum vergibt Lizenzen an Almoseneintreiber, die er als Bettler ausstattet, während Tochter Polly Macheath, alias Mackie Messer, den Chef eines Gangstersyndikats, heiratet und als Ehrengast sogar Polizeichef Tiger Brown einlädt. Daraufhin wollen die wütenden Eltern den verhassten Ehemann loswerden, Polly jedoch warnt Macheath, die dafür von ihm alle Rechte über das Unternehmen erhält. Er flüchtet zu den Huren von Turnbridge, inzwischen wurde jedoch die Polizei informiert und er landet in einer Zelle. Dort kommt es zum Streit zwischen der sehr resoluten Mama Peachum, Polly und Lucy, Tochter von Tiger Brown, angeblich auch mit dem Inhaftierten verheiratet. Sollte der Polizeichef weiterhin sabotieren, die Hinrichtung hintertreiben, will Peachum die bevorstehende Krönungsfeier der englischen Königin mit einer Riesenzahl seiner Bettler stören. Letzten Endes jedoch geschieht das Unfassbare: Macheath wird begnadigt und sogar in den Adelsstand erhoben.
Maximalen Anteil am weltweiten und auch Waldkraiburger Erfolg der „Dreigroschenoper“ hatte sicher Kurt Weills Musik, von den zehn Spezialisten im Orchestergraben hervorragend intoniert und von den überzeugenden Schauspielern und zugleich großartigen Sängern bestens umgesetzt. Ob bei dem perfekten Mix aus Tango, Blues, Jazz und Gassenhauern wie bei der „Ballade von Mackie Messer“, dem „Bordell, das unser Haushalt war“, der „Ballade von der sexuellen Hörigkeit“, dem Kanonensong oder der „Seeräuber- Jenny“ – die eingängigen Rhythmen und schaurig-schönen Moritaten luden regelrecht ein zum Mitschunkeln.
Plakative
Sprache
Dazu passte ideal Bert Brechts plakative Sprache voller schwarzem Humor und deftigen Zoten wie „Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral“, eben ein antikapitalistisches Lehrstück aus einer kriminellen Halbwelt voller sozialer Ungerechtigkeit, das für bürgerliche Romantikvorstellungen und Sentimentalitäten so gar nichts übrig hat.
Dass die „Dreigroschenoper“ unsterblich ist, bewies nicht nur der lang anhaltende Applaus des Publikums. Am Tag vor der Aufführung war im Fernsehen ein Spielfilm zu sehen, in dem sich Bert Brecht (Lars Eidinger) dagegen wehrt, dass aus seinem Stück mit Macheath (Tobias Moretti) eine Art Film-Krimi gemacht werden sollte: Recht so, auf der Bühne war das Geschehen, wie das Freie Landestheater bewies, hautnah zu erleben.