Von der Zärtlichkeit des Urologen

von Redaktion

Christoph Fritz überzeugt im Mühldorfer Haberkasten mit kluger Komik jenseits des Pointen-Schubsers

Mühldorf – Was ist das Gegenteil von Schenkelklopfer? Christoph Fritz. Wer in sein neues Programm „Zärtlichkeit“ kommt, der sollte keine Gags im Sekundentakt erwarten. Stattdessen: leises Lachen, das sich langsam aufbaut, manchmal verzögert – und dann umso tiefer trifft. Der junge Wiener Kabarettist machte bei seinem Auftritt im Haberkasten aus der Langsamkeit eine Kunstform. Und wer ihm eine Stunde lang zuhört, spürt: Hier arbeitet jemand mit der Präzision eines Chirurgen – am offenen Herzen des Alltags.

„Christoph Fritz ist geil“, mit diesem ironisch-dreisten Satz steigt der Österreicher in den Abend ein, wobei die Begründungen für diese Behauptung irgendwo zwischen absurder Selbstüberhöhung und entlarvender Selbstironie pendeln („Warum ist er geil: Weil er Taxifahrern Trinkgeld gibt, obwohl er zu Fuß geht“). Das ist keine Eitelkeit, sondern das Gegenteil davon: ein Spiel mit Rollenbildern, mit Sprache, mit Erwartungshaltungen. Politisches Kabarett? Keine Spur. Stattdessen führt uns Fritz in ein Universum, das in seiner Banalität manchmal surreale Züge annimmt. Da wird ein Besuch beim Urologen so zärtlich wie eine erotische Szene erzählt, als wäre das Beckenbodentraining der neue Liebesroman.

Running Gag: Sitzungen bei Therapeutinnen, die seine stille Verzweiflung spiegeln – und daran scheitern und selbst therapiepflichtig werden. Komik entsteht hier nicht durch Überzeichnung, sondern durch subtile Verdrehung und gedankliche Umleitungen.

Und immer wieder: diese genussvolle Fallhöhe. Fritz baut ein Setting auf, das auf eine Pointe zusteuert – und biegt dann im letzten Moment ab. Was bleibt, ist ein Lächeln, das sich verspätet, aber lange nachklingt. Er erinnert dabei nicht zufällig an Josef Hader, dessen Einfluss sich in Fritz‘ Sprechweise, seiner stoischen Bühnenpräsenz und der Lust am Abseitigen spiegelt. Fritz lehnt den Vergleich zwar ab – aber der Hader’sche Geist schwebt über dem Abend, zumal der Meister selbst in einer halluzinierten Szene am Pissoir auftaucht. Nicht als Pointe, sondern als Projektion. Und natürlich nicht real, sondern als Konstrukt im Fritz’schen Spiegelkabinett der Komik.

Was bleibt: ein Abend, der anders unterhalten hat. Ohne Lärm, ohne Gags für die erste Reihe, dafür mit Köpfchen, Gefühl – und viel Applaus am Ende. „Zärtlichkeit“ ist kein Programm zum Nebenbei-Lachen. Sondern eines zum Hinhören, Mitdenken und Sich-Erwischen. Christoph Fritz ist, nun ja – geil. Aber eben auf eine sehr österreichische, sehr besondere Art, die im Mühldorfer Haberkasten auf große Gegenliebe gestoßen ist.gerd kreibich

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