Waldkraiburg – Erwartungsvoll sahen die meisten der Besucher diesem Theaterabend entgegen: Die Konzertagentur Landgraf kannte man schon von der großartigen „Gott“-Inszenierung. Diesmal bot sie ihre „Extrawurst“ an. Auch Gerd Silberbauer, bekannt als „Des Teufels General“ oder aus der ZDF-Reihe Soko München, wollte man natürlich als Attraktion sehen.
Während viele noch im Freien den fast sommerlichen Abend genossen, werkelte einer schon übereifrig auf der Bühne. Obwohl der dritte Gong noch gar nicht ertönt war, begrüßte er als Zweiter Vorsitzender Matthias (Daniel Pietzuch) alle Zuspätgekommenen im Saal als Mitglieder zur Jahreshauptversammlung eines Sportvereins, was unschwer am Bühnenbild zu erkennen war, und er gab sogar Tagesordnungspunkte bekannt.
Deutlicher wurde das Geschehen, als nach einem Match Erol (Frank Matthus) und Melanie (Susanne Theil) mit geschulterten Tennistaschen im Vereinsheim erschienen und auch der Boss des Clubs, Heribert Bräsemann (Gerd Silberbauer), in den Ablauf eingriff, indem er alle Versammelten begrüßte und den Wichtigtuer Matthias zurechtwies. Der jedoch warnte vor den enormen Kosten für den Bau eines neuen Heims. „Wichtiger ist jedoch im Moment der Kauf eines neuen Grills. Ich habe schon einen XG 3100 im Auge“, erklärte er. Und damit begannen die Meinungsverschiedenheiten. Erol wies darauf hin, er als Türke dürfe nicht Fleisch von einem Schweinegrill essen. Dabei unterstützt wurde er von seiner Tennispartnerin, die meinte, auch das Wort „Türkenwurst“ sei nicht in Ordnung: Es heiße Sucuk.
Das wiederum war das Stichwort für Werbetexter Torsten (Hans Machowiak), der süffisant fragte, ob das Wort „Grillwurst“ überhaupt im Koran vorkomme. Er selber sei Vegetarier, wozu ihm sein Hausarzt geraten habe. Außerdem sei er Atheist. Matthias funkte immer wieder mit Pegida-Sprüchen und AfD-ähnlichen Aussagen dazwischen. Als Melanie einwarf, er führe sich auf wie ein deutscher Erdogan, war die Zerreißprobe erreicht. Dem konnte der Vorsitzende nur begegnen mit der Aufforderung: „Ich glaube, wir müssen neu überlegen!“ Und damit entließ er in die Pause.
Eine treffende Schlussfolgerung zum eben Gesehenen war von einer Besucherin zu hören: „In der Sparte Fußball im VfL Waldkraiburg ist die Sache klar geregelt: Es gibt einen zweiten Grill für die türkischen Spieler.“
Als beim Wiederbeginn Tennisboss Heribert wegen gesundheitlicher Probleme fehlte, versuchte nicht nur Matthias, das Vereinsruder zu übernehmen. Es kam zu ersten Handgreiflichkeiten, als er behauptete: „Wir deutschen Männer sehen unsere Frauen als voll gleichberechtigt an“, wonach sich Torsten als totaler Türkenhasser outete, weil er vermutete, dass seine Frau Melanie nicht nur Tennis mit Erol spiele.
Heribert, der wieder auftauche, konnte etwas besänftigen, indem er meinte: „Ihr spiegelt die heutige Gesellschaft wider, aufgehetzt zum Beispiel durch Facebook. Jeder brät seine Extrawurst. Hört doch einmal dem anderen zu. Ich glaube, jetzt kann nur ein Witz helfen.“ Doch auch das half nicht wirklich, denn nach wie vor standen sich Atheisten und Gläubige, Deutsche und Türken, Gutmenschen und Hardliner, Besserwisser und Kleinkarierte gegenüber, was beinahe zur Auflösung des Vereins führte.
Mit Fragen an die Publikums-Tennisclubmitglieder näherte man sich dem Schluss. Denn viele Zuschauer waren hin- und hergerissen zwischen den humorvoll-satirischen und blitzgescheiten Wortspielen und den schockierend bissigen, aber oft auch ehrlichen Kommentaren.
Und genau das wollte wohl Regisseur Frank Matthus erreichen, der den Erol gespielt hatte, und erst allmählich stand das Publikum auf zu lange anhaltendem Beifall. Einig aber waren alle im Saal: Spiel, Satz und Sieg für die grandiosen Schauspieler! Erika Fischer