Wasserburg – Mit großer Begeisterung wurde im Theater Wasserburg die Premiere des Stücks „Was war und was wird“ von Lutz Hübner und Sarah Nemitz aufgenommen. Das bewegende Kammerspiel thematisiert die Lebensgeschichte eines Ehepaars und wirft dabei tiefgründige Fragen über Erinnerung, Identität und Zukunft auf.
Ein Ehepaar mittleren Alters, dessen Kinder fast erwachsenen sind, besucht „Die Fledermaus“. Doch noch bevor sich der Vorhang zur berühmten Strauss-Operette hebt, geraten die beiden in einen banalen Streit über die Suche nach einem Gratis-Parkplatz oder das Programmheft. Anke wirft Theo vor, es nur deshalb gekauft zu haben, um nicht als geizig zu gelten. Plötzlich richtet sich der Scheinwerfer auf das Paar – Anke und Theo finden sich selbst im Zentrum des Bühnengeschehens wieder. Die Eheleute erleben erneut ihre gemeinsame Vergangenheit: das erste Kennenlernen, die frühen Jahre ihrer Beziehung, die Herausforderungen der Familiengründung und die Höhen und Tiefen des Ehelebens.
Im Verlauf des Stücks werden sie wieder zu jüngeren Versionen ihrer selbst und wechseln dabei die Perspektiven. Zu den gemeinsamen Erinnerungen mischen sich imaginäre Szenarien, was gewesen sein könnte, hätte denn jeder für sich andere Entscheidungen getroffen? Anke und Theo werden mit der Sinnfrage konfrontiert, was vom gemeinsamen Leben übrig bleibt. Dazu schickt das Stück die Protagonisten auf eine Zeitreise von der Vergangenheit über die Gegenwart bis in die Zukunft. Sie erleben ihre eigene Geschichte neu.
Das emotional Bewegende im Stück war, dass man sich als Zuschauerin oder Zuschauer beinahe in jeder Szene irgendwie wiederfinden konnte. Thorsten Krohn inszenierte das grandiose Kammerspiel als heiter-melancholische Beziehungskomödie erster Güte, in der so gut wie alles stimmig war. Facettenreich mit einem feinen Gespür für Empfindungen wurden die Gefühle eingefangen, die langjährige Beziehungen zwischen zwei Menschen mit sich bringen: Aus kleinen Missverständnissen wurden immer wieder schier unüberwindbare Hindernisse, die sich aber auflösten, weil sich die Liebe und Hingabe für den anderen immer wieder durchsetzen konnte.
Nach der Rückschau auf ihr bisheriges Leben wollte das Paar schließlich wissen, was ihnen die Zukunft bringen wird. Anke und Theo mussten ertragen, dass das Schicksal mit altersbedingten Leiden grausam zuschlagen wird. Und auch für das Publikum entstanden wohl die ergreifendsten Szenen im ganzen Stück, die es auszuhalten galt.
Susan Hecker und Hilmar Henjes spielten Anke und Theo so real, als wäre man als Zuschauer direkt mitten in deren Leben hineingeraten. Obgleich zwei gegensätzliche Charaktere, waren sie doch einander tief verbunden. Anke gab selbstbewusst und voller Lebenshunger, Theo hingegen eher nachdenklich und zurückhaltend. So entstanden aberwitzige Dialoge von Loriot‘scher Fülle, eigentlich paradox und doch so lebensecht. Nach gut eineinhalb Stunden wurden die beiden Darsteller und die Regie schließlich mit einem lang anhaltenden Schlussapplaus verabschiedet, eine Sternstunde, die keine Wünsche offenließ. Wolfgang Janeczka