Schicksale der Aussiedlung

von Redaktion

Begleitende Ausstellung zum Graphic-Novel-Band „Die vertriebenen Kinder“

Waldkraiburg – Ins Stadtmuseum der oberbayerischen Vertriebenen-Gemeinde Waldkraiburg, das stand vor zwei Jahren nach Erscheinen des ins Deutsche von Raija Hauck übersetzten Buches „Die vertriebenen Kinder“ sofort fest, passt eine dazu konzipierte Ausstellung so gut wie kaum anderswohin. Die Landsberger Balaena-Verlegerin Heike Birke war für diesen Hinweis dankbar und froh, bei Museumsleiterin Elke Keiper auf Gegenliebe zu stoßen.

Ein Ereignis nicht
nur für Zeitzeugen

Kurz vor dem 8. Mai dieses Jahres, dem Victory in Europe Day, der das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren markiert, passt keine Ausstellung besser als die zu den Bild- und Texttafeln des ursprünglich 2021 im PragerPost Bellum Verlag erschienenen Bild-Bandes.

Elke Keipert zeigt erstmals ein Buchprojekt, das sich, wie sie sagt, „auf ausgefallene und spannende Weise mit einem eigentlich schweren Thema befasst. Hier werden die Erinnerungen von Zeitzeugen, die bei ihrer Vertreibung noch Kinder waren, als Bildergeschichten, als Graphic Novels, erzählt“.

Sie handeln, bei aller Bitterkeit ihres Inhalts humorvoll erzählt, von besonderen, heute zu wenig ernsthaft „bedachten“ Schicksalen der Aussiedlung, bestimmt vom aufgezwungenen Verlust der angestammten geliebten böhmischen Heimat.

Deutsche Mädchen und Buben sind die Leidtragenden, mit ihren Angehörigen, nicht immer beider Eltern, manchmal auch ihrer Großeltern. Ihre Heimat Tschechien, damals nach dem Zweiten Weltkrieg noch Tschechoslowakei, mussten sie zurücklassen. Sie kamen in für sie eingerichtete Auffanglager, um von dort aus abtransportiert zu werden, viele von ihnen ins benachbarte Deutschland, davon wiederum eine große Anzahl nach Bayern. Nicht wenige nach Waldkraiburg.

Erzählt wird in Comic-Form von Franz aus Ostrava/Ostrau, von Rosemarie, der Urgroßnichte des Komponisten Antonin Dvorak, von Kurt aus Postelberg, von Annelies aus Reichenberg/Liberec, von Emil und Friedrich aus dem Böhmerwald. Die fünf Geschichten ähneln sich darin, dass es sich jeweils um unverschuldete Vertreibung handelt.

Die tschechischen Zeichnerinnen Magdalena Rutova und Frantiska Loubat und die Zeichner Jakub Bachorik, Stanislav Setinsky und Jindrich Janicek arbeiteten in Stil und Design ihrer durchwegs beeindruckenden „Novels“ unterschiedlich. Das erhöht sowohl den Reiz des DIN-A-4 großen Sammelbandes wie die ausgestellten Bild-Text-Tafeln. Sie gehen auf Interviews mit deutschen Zeitzeugen des Prager Publizisten Jan Blazek zurück, auf Betroffene und Leidtragende der Nachkriegsvertreibung aus dem östlichen Nachbarland. Blazeks Berufskollege und Buch-Mitherausgeber Marek Toman schuf das Szenario.

Man wünscht dieser Ausstellung wie dem ausliegenden Bild-Band, den die Besucher einsehen können, zahlreiche Schulklassen, Lehrkräfte, Kinder- und Jugendgruppenleiter, aber auch Eltern und Großeltern heutiger Kinder und Jugendlicher, die ja zu keinem geringen Teil selbst mit der Nachkriegsvertreibung-Geschichte verbunden sind – auch wenn nur durch Berichte und Erzählungen.

Ein solcher „Zeitzeuge“ ist auch der Schreiber dieser Zeilen. Er ist als fälschlich so bezeichneter „Flüchtling“ aus dem Sudetenland gerade an einer der fünf Geschichten hängen geblieben, nämlich der von der kleinen, 1939 geborenen Annelies Hennig aus Reichenberg, das heute Liberec heißt, übrigens der Geburtsstadt des vor zwölf Jahren verstorbenen Kinderbuchautors Otfried Preußler, dessen Gattin auch Annelies hieß. Wie beide Mädchen namens Annelies ist der mit Annelies Hennig gleichaltrige Schreiber dieser Zeilen von Reichenberg nach Südostbayern gelangt.

Die Ausstellung dauert bis zum 29. Juni und ist Donnerstag bis Sonntag von 14 bis 17 Uhr, außer 29. Mai, 8., 9. und 19. Juni, geöffnet.

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