Blues, Soul und politische Botschaften im Haberkasten

von Redaktion

Justina Lee Brown bringt mitreißende afrikanisch-karibische Klänge zwischen Blues und Funk und eine packende Lebensgeschichte nach Mühldorf

Mühldorf – Justina Lee Brown und ihre Band sind keine Unbekannten auf Bluesfestivals dieser Welt. Im vergangenen Jahr war sie erstmals auch bei der Jazzwoche in Burghausen dabei und vor Kurzem gab die 40-Jährige im Haberkasten ein beeindruckendes Gastspiel vor vollem Haus. Im Gepäck hatte die schweizerisch-peruanisch-kolumbianische Combo hauptsächlich Songs aus ihrem aktuellen Album „Lost Child“, mit dem die aus Nigeria stammende Künstlerin auch auf die Armut und die vielen Waisenkinder in ihrem Heimatland aufmerksam machen möchte.

Gut 170 Gäste waren im Haberkasten zu Gast, um die Sängerin mit der markanten Stimme und dem Rhythmus im Blut zu hören. Gleich zur Einstimmung gab es ein an afrikanische Stammesmusik erinnerndes Lied, das teils sehr scharf gesungen war und in dem die mit ihrer Teenager-Mutter auf den Straßen von Lagos aufgewachsene Künstlerin gleich einmal ihre harte Seite zeigte. Bei der Vorstellung ihres peruanischen Keyboarders Cesar Correa, des kolumbianischen Bassisten Lou Louis Cruz sowie des Gitarristen Carlo Menet, des Percussionisten David Stauffacher und des Schlagzeugers Christian Bosshard, allesamt aus der Schweiz, ließ sie erahnen, was dort für ein Umgang gepflegt wird. Doch sie betonte, dass es scherzhaft gemeint sei und dass wir alle doch ein Volk seien („We are all one people“).

Es schloss direkt der Song „Losing My Mind“ vom neuen Album an, bei dem die Afrikanerin ihre Stimmgewalt unter Beweis stellte – und dass sie einer Aretha Franklin oder einer Shirley Bassey in nichts nachsteht. Mit dem funkigen „My Way To You“ fand die Combo dann den Weg mitten ins Herz ihres Mühldorfer Publikums, das es beim dritten Lied schon nicht mehr auf den Hockern hielt – zugegebenermaßen nach Ermunterung durch die Bandleaderin, aber sehr nachhaltig. Es folgte das musikalische Medley „My Home“, das dem kosmopolitischen Wesen der Sängerin entspringt und deutlich australische, südamerikanische, europäische und afrikanische Einflüsse erkennen ließ.

Beim titelgebenden „Lost Child“ des Albums wurde es dann politisch und persönlich gleichermaßen, denn Justina Lee Brown ließ alle an ihren Kindheitserinnerungen teilhaben, was trotz Englisch sehr gut gelang. Das Lied war geprägt von vielen Soli der Sängerin und auch einem ausführlichen Solo des Gitarristen Carlo Menet auf seiner Fender Telecaster. Politisch ging es auch bei der Zugabe „Billiki“ nach rund zwei Stunden zu, als Justina Lee Brown noch einmal auf die prekären Verhältnisse der Menschen in ihrem Heimatland hinwies und darauf, dass sie eine private Hilfsorganisation gegründet hat, mit der sie schon einige Dutzend Waisenmädchen von den Straßen Nigerias geholt hat.

Doch damit wäre der Teil des Auftritts nach der Konzertpause unterschlagen, der im Vergleich zum kraftvollen ersten Teil deutlich ruhiger daherkam. Dabei gab es mit „Mr. Busy“ sogar einen neuen Song zu hören, der erst im August offiziell veröffentlicht werden soll. Auch der Lovesong „Shaggy“ schlug ein gemütliches R’n’B-Tempo an, ebenso wie das während der Coronapause entstandene Lied „Carry Me“, das langsam und nach Soul klingt. Wie die Sängerin dazu erklärte, sei sie im Gegensatz zu vielen anderen Menschen dankbar für die Ruhe gewesen, die ihr Corona beschert habe: „Das war genau die Pause, die ich brauchte“, so die Wahlschweizerin. Durch viele gospelartigen Passagen ohne Instrumente lässt einen das Lied nochmals in die Einsamkeit der CoronaZeit eintauchen. So kraftvoll das Konzert begonnen hatte, so gediegen klang es aus und viele Gäste im Haberkasten wollten eine signierte CD der beeindruckenden Dame aus Afrika haben. Der eine wegen ihrer Musik, der andere vielleicht auch wegen der Hilfsorganisation, die damit unterstützt wird.

Justina Lee Brown war im Haberkasten wie eine Flasche guten Champagners, der beim Öffnen kraftvoll heraussprudelt, um dann, nachdem er etwas geatmet hat, seine Feinheiten und seine Komplexität zu entwickeln. peter becker

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