Rasant, virtuos und mit Ohrenstöpseln

von Redaktion

„Fanfare Ciocarlia“ bringen den Haberkasten zum Tanzen

Mühldorf – Schon bevor der erste Ton erklang, ahnte man, was da auf die Besucher im ausverkauften Haberkasten zukommen würde: Andrea Müller vom Kulturamt verteilte an die ersten Reihen vorsorglich Gehörschutz-Stöpsel – sie war beim Soundcheck dabei gewesen und wusste: Das wird richtig laut – und sie sollte recht behalten. Denn was die zwölf Musiker von Fanfare Ciocarlia an diesem Abend entfesselten, war ein Tsunami aus Hörnern, Trompeten und Tuben, gegen die selbst eine bayerische „La Brass Banda“ wirkt wie eine kleines Blech-Ensemble.

Ekstatischer
Sound

Seit fast drei Jahrzehnten tourt das Ensemble aus dem rumänischen Dorf Zece Prajini durch die Welt, und noch immer ist ihr Markenzeichen derselbe ekstatische Sound: irrwitziges Tempo, unerschöpflicher Atem und ein Zusammenspiel, das in seiner Präzision an die Grenzen des Menschenmöglichen stößt. Jeder Einzelne der zehn Musiker ist ein echter Virtuose, doch zusammen entsteht ein Klangkörper, der das Publikum förmlich von den Sitzen reißt. Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis der Haberkasten zu tanzen begann.

So hemmungslos die Spielfreude wirkte, so spürbar war zugleich die Melancholie, die sich wie ein feiner Faden durch viele Stücke zieht – ähnlich wie im Gypsy-Swing schwingt in der Raserei immer auch eine Note von Sehnsucht mit. Sehnsucht nach der Heimat, nach dem Dorf, in dem diese Musik früher Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen begleitete.

Fanfare Ciocarlia haben ihre Wurzeln nie verleugnet, auch wenn sie heute Stammgäste auf den großen Festivalbühnen von New York bis Tokio sind und mit zahlreichen Auszeichnungen und sogar Charterfolgen in der Weltmusik geschmückt wurden.

Im Haberkasten mischten sie traditionelle Klänge mit Ausflügen in die Pop- und Rockwelt. Wenn die Musiker auf Rumänisch sangen, wirkte das ebenso authentisch wie die augenzwinkernden „Ausrutscher“: „Born to be wild“, „I put a spell on you“ und als Zugabe gar das James-Bond-Thema – gespielt mit so viel Wucht und Tempo, dass man den Eindruck hatte, selbst die Kinoleinwand könne dem nicht standhalten.

Ausgelassene
Stimmung

Die Stimmung war ausgelassen, der Applaus frenetisch, das Konzert ein Fest der Sinne. Laut, rauschhaft, gnadenlos schnell – und doch voller Herz. Dass einem die Melodien noch lange nachgingen, lag nicht nur an der Lautstärke, sondern an der unbändigen Spielfreude, die diese Musiker seit bald 30 Jahren über den Bühnenrand bringen.

Wer den Abend miterlebte, wird ihn so schnell nicht vergessen. Und sollte die Band wieder einmal in Mühldorf Station machen, ist eines sicher: Die Ohrenstöpsel liegen schon genauso bereit wie die Eintrittskarten.

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