Wenn „krachert sein“ zum Erfolgsrezept wird

von Redaktion

Der „Addnfahrer“ Thomas Willibald macht den ausverkauften Mühldorfer Stadtsaal zum Stammtisch

Mühldorf – Es war ein Abend, an dem 850 Menschen lachten. Und das ohne Unterbrechung, fast zwei Stunden lang. Die Pointen prasselten von der Bühne, die Reaktionen kamen im Sekundentakt, der Stadtsaal bebte. Doch während sich das Publikum kugelte, rieb man sich verwundert die Augen: War das wirklich so lustig – oder genügte es schon, dass es laut war, im Dialekt erzählt und mit einem kräftigen „Jaaaaa“ abgeschlossen?

Der Mann auf der Bühne im ausverkauften Stadtsaal nennt sich Addnfahrer. Im richtigen Leben heißt er Thomas Willibald, und sein Künstlername ist so zünftig wie sein Programm. „Addn“, das ist die Egge, die hinterm Traktor über die Felder gezogen wird. Wer sich so nennt, der weiß: Er will aufs Land verweisen, auf eine raue Einfachheit, die gleichzeitig kernig, wuchtig und ungehobelt wirkt. Genau das ist die Marke, die Willibald seit Jahren pflegt – und mit der er inzwischen in den sozialen Medien eine Anhängerschar versammelt hat, um die er von jedem Influencer beneidet wird.

Auf der Bühne funktioniert dieses Prinzip auch in Mühldorf zunächst blendend. Dialekt ist Identität, Heimat, Wurzel. Vorgetragen in sattem Oberbayerisch, werden aus Alltäglichkeiten die „Lausbuamgschichtn“. Es geht um Traktoren, Nachbarn, den Krach daheim, die Eskapaden am Stammtisch.

Der Tonfall trägt viel, die Wortwahl etwas, der Inhalt erstaunlich wenig. Doch wer auf der Bühne im harten Dialekt spricht, kann manches verstecken: Ein Spruch oder Witz, der vielleicht gar nicht so lustig ist, der ist immer noch einen Lacher wert, wenn er in derbem Dialekt daherkommen – da arbeitet der Addnfahrer ein bisserl wie Monika Gruber – im Kampf um Bombenstimmung nutzt die ja auch immer die härteste bayerische Klangfarbe als Effekt. Es ist kein Kabarett, das Thomas Willibald auf die Bühne bringt, er ist ja auch kein Kabarettist, sondern ein Comedian, und da erwartet sich das Publikum vor allem eines: Man will sich auf die Schenkel klopfen, und dafür sorgt der „Addfahrer“ zuverlässig. Der Abend wird zum Stammtisch, aufgeblasen auf eine Saalgröße. Man kennt das: Geschichten, die man am Stammtisch nach dem dritten Bier erzählt, die ihre Würze aus dem Moment ziehen, nicht aus ihrem Witz. Auf der Bühne allerdings fehlt die Spontaneität – da werden Episoden reproduziert, da kommt eine Grobheit, die nicht mehr aus der Situation entsteht, sondern aus Kalkül. Die Lachsalven des Publikums zeigen aber auch: Dieses Prinzip funktioniert. Das ist legitim, das ist wirksam und wenn er auf Tournee in ganz Deutschland unterwegs ist und dann im hohen Nordern alle nach dem Auftritt sagen: „So sind sie, die Bayern.“ Was soll’s.

Addnfahrers Geschichten haben eine klare Struktur: Lauter Einstieg, ein grobes Bild, ein schmutziger Vergleich, ein grantiger Nachsatz – fertig ist die Pointe. Da wird über die blasenschwache Ehefrau gelacht, als handle es sich um eine Alltagskomödie. Oder es geht um die Zeckenentfernung an den intimsten männlichen Körperteilen – ein Bild, das man sich nicht unbedingt herbeiwünscht, das aber im Saal für befreite Heiterkeit sorgt. Das muss man mögen, und das mögen, wie der Applaus zeigte, offensichtlich sehr viele.

Dass dieser Humor funktioniert, liegt auch an seiner Herkunft: Addnfahrer ist ein Phänomen der sozialen Medien. Dort sind kurze Clips gefragt, schnelle Reaktionen, zugespitzte Wutreden über Politik, Preise oder Nachbarn. Aus diesen Schnipseln hat Willibald seine Reichweite gebaut. Auf der Bühne aber werden diese Splitter zu ganzen Abenden gedehnt. Und so merkt man rasch: Ein Dreiminüter, der online zündet, kann live nur schwer über zwei Stunden tragen.

Trotzdem bleibt die Faszination: Da steht einer in Gummistiefeln und Arbeitsklamotten, spricht wie „da Bua von nebeno“ – und füllt einen Stadtsaal. Für viele ist das Authentizität, für andere schlicht ein Schauspiel. Es ist dieser Kontrast, der den Erfolg erklärt: Hier erhebt sich einer scheinbar nicht über das Publikum, sondern sagt nur laut das, was andere leise denken. Ob das noch Komik ist oder schon Populismus, darf jeder selbst entscheiden. So verlässt man den Saal mit gemischten Gefühlen. Einerseits: Hut ab vor jemandem, der so viele Menschen so unterhält, dass sie sich den Bauch halten. Andererseits: Ratlosigkeit angesichts dessen, wie wenig Substanz notwendig ist, um diesen Effekt zu erzielen.

Man darf resümieren: Der Abend zeigt nicht, was Humor leisten kann – sondern wie wenig Humor ausreichen kann, um ein Publikum glücklich zu machen. Wer einfach nur lachen will, egal worüber, kam im Mühldorfer Stadtsaal voll auf seine Kosten, es sei jedem gegönnt.Gerd Kreibich

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