Mühldorf – Voll besetzt war der Haberkasten, als die Autorin und Social-Media-Aktivistin Susanne Siegert aus ihrem neuen Buch „Gedenken neu denken“ vortrug. Die Veranstaltung zog ein überraschend junges Publikum an und zeigte deutlich: Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust ist längst keine reine Erinnerungsaufgabe der älteren Generation mehr, sondern ein Thema, das gerade junge Menschen beschäftigt.
Eröffnet wurde der Abend von Korbinian Engelmann, dem Leiter des Kreismuseums Mühldorf, der eine einfühlsame und zugleich präzise Einführung gab. Er stellte die Autorin vor, die heute in Leipzig lebt, aber im benachbarten Altötting aufgewachsen ist – eine biografische Nähe, die auch ihr späteres Engagement prägte. Anschließend nahm Siegert das Publikum mit in ihre Arbeit, die persönliche Motive, historische Zusammenhänge und punktgenaue Alltagsbeobachtungen miteinander verbindet.
Ein Schwerpunkt des Abends lag auf dem historischen Ort, der für Siegerts Beschäftigung mit dem Thema entscheidend wurde: dem ehemaligen KZ-Außenlager Mühldorfer Hart. Dort errichtete die SS 1944 einen Lagerkomplex des KZ Dachau, in dem vor allem jüdische Zwangsarbeiter aus Ungarn unter unmenschlichen Bedingungen für ein Rüstungsprojekt eingesetzt wurden. Tausende überlebten die Strapazen, den Hunger, die Gewalt und die Krankheiten nicht. Als Schülerin hatte Siegert die Überreste des Lagergeländes besucht – ein Schlüsselmoment, der ihr vor Augen führte, wie nah die Geschichte tatsächlich war. Aus diesem ersten Erschrecken heraus entwickelte sich ihre intensive Beschäftigung mit der Erinnerungskultur und schließlich ihre Arbeit in den sozialen Medien.
In ihrem Vortrag verzichtete Siegert bewusst auf akademische Sprache und entschied sich für einen Tonfall, der Verständlichkeit und persönliche Reflexion verbindet. Immer wieder las sie Ausschnitte aus „Gedenken neu denken“ und erläuterte, weshalb aus ihrer Sicht viele Formen des heutigen Gedenkens zu starr oder zu ritualisiert sind. Kranzniederlegungen und Gedenkfeiern seien wichtig, sagte sie, aber sie müssten durch persönliches Nachdenken und konkrete Verantwortung im Alltag ergänzt werden. Gedenken dürfe nicht nur „Nie wieder!“ rufen, sondern müsse Fragen stellen: nach der eigenen Familiengeschichte, nach verdrängten Täterrollen und nach unserem Umgang mit Sprache und historischen Begriffen.
Ihr Ansatz, historische Ereignisse auf menschliche, alltagsnahe Aspekte herunterzubrechen, prägte auch die zahlreichen Fragen aus dem Publikum. Viele Besucher wollten wissen, wie junge Menschen überhaupt Zugang zu einem Thema finden können, das in der Schule oft als abstrakt erlebt wird. Andere fragten nach Wegen, Falschinformationen zu erkennen oder familiäre Vergangenheit aufzuarbeiten. Siegert betonte immer wieder, dass es ihr nicht um fertige Antworten geht, sondern darum, Menschen zum Weiterdenken zu ermutigen: „Erinnern heißt nicht nur wissen, sondern verstehen und weitergeben.“
Mit ihrem Kanal @keine.erinnerungskultur erreicht Siegert über 400.000 Menschen. Für diese Arbeit erhielt sie den Grimme-Online-Award sowie den Margot-Friedländer-Preis – Auszeichnungen, die ihren besonderen Beitrag zu einer modernen, zugänglichen und reflektierten Erinnerungskultur würdigen.
Der lange Applaus am Ende zeigte, wie sehr ihr Ansatz das Publikum erreichte. In Mühldorf wurde nicht nur ein Buch vorgestellt, sondern eine Einladung ausgesprochen, sich neu – und vor allem persönlich – mit einem Kapitel der Geschichte auseinanderzusetzen, das hier Spuren hinterlassen hat, die nicht in Vergessenheit geraten sollten.
Gerd Kreibich