Wenn das Lachen im Hals stecken bleibt

von Redaktion

Sigi Zimmerschied bietet im Haberkasten ein beeindruckendes Kammerspiel

Mühldorf – Wer Sigi Zimmerschied vor allem als grantelnden Polizeichef Moratschek aus der Eberhofer-Reihe kennt, der musste sich im Haberkasten einem Perspektivwechsel stellen. Denn der Kabarettist Zimmerschied ist ein anderer als der Schauspieler Zimmerschied. Sigi Zimmerschied live: Das war keine leichte Kost.

Mit seinem aktuellen Programm „Kein Thema – eine deutsche Antwort“, das er im ausverkauften Haberkasten zeigte, liefert Zimmerschied ein ebenso verstörendes wie beeindruckendes Stück Theater. Ja, es gab Momente, in denen mancher Zuschauer vielleicht Längen empfand. Doch gerade darin liegt auch ein Missverständnis: Dieses Programm will nicht gefällig sein, es will wirken. Und das tat es auf jeden Fall.

Eine zerrüttete
Existenz als Lebenscoach

Zimmerschied schlüpft in die Rolle des Lebenscoaches Heini Himmerl – äußerlich gezeichnet, er wirkt verschlampt, innerlich zerrüttet, mit Schlaganfall-Vergangenheit, Tablettenroutine und einer bipolaren Störung, die „manchmal überschießt“. Ausgerechnet dieser Mann bietet anderen Hilfe an. Oder besser: Er verführt sie, manchmal bis zur letzten Konsequenz, wenn er den Selbstmord empfiehlt, an den er sich selbst nicht herantraut.

Per Headset berät Himmerl seine Klienten am Telefon, er redet ihre Schwächen stark, verklärt ihr Scheitern und treibt sie immer weiter in Richtung Abgrund. „Ich bin stark! Ich bin schön! Ich bin der Nabel der Welt!“ lautet sein zynisches Mantra. Was wie Selbstermächtigung klingt, entpuppt sich als brandgefährliche Verführung – auch das erinnert an so manchen Coach, der auf Tagungen als „Keynote-Speaker“ verbale Luftblasen steigen lässt. Himmerl berät sie alle: den erfolglosen Schauspieler, einen abgehalfterten SPD-Politiker, der persönlich noch erfolgloser ist als seine Partei, eine überdrehte Intendantin, einen Rechtspopulisten – sie alle werden in kurzen Szenen, die ineinander übergehen, gnadenlos vorgeführt.

Dazwischen führt Himmerl Telefonate mit der Mutter, Gespräche mit dem toten Vater, der ihn gnadenlos emotional misshandelt hat. Alles verschwimmt zunehmend zu einem beklemmenden Bild seelischer Verwahrlosung.

Sigi Zimmerschied schaut genau hin. Er interessiert sich für die Abgründe, die sichtbar werden, wenn man hinter die Fassaden blickt – und wenn man sich nicht von den einfachen Parolen der Coaching- und Selbsthilfewelt blenden lässt. Seine Botschaft ist bitter: Eine Szene, die vorgibt zu helfen, wird oft von Menschen beherrscht, die selbst Hilfe bräuchten.

Das ist keine Wohlfühlunterhaltung auf der Bühne im Haberkasten. Natürlich wird gelacht – Zimmerschied beherrscht Timing, Mimik und Stimme nach wie vor meisterhaft. Aber nicht selten bleibt das Lachen im Hals stecken. Seine Pointen sind scharf, manchmal derb, manchmal obszön, immer konsequent. Versöhnliche Auswege bietet er nicht an.

Beeindruckende
Bühnenpräsenz

Trotz – oder gerade wegen – seiner inzwischen 72 Jahre steht Zimmerschied mit enormer Bühnenpräsenz auf der Bühne. Jeder Satz sitzt, jede Figur ist präzise gezeichnet, an beiden Enden der Telefonleitung von Heini Himmerl. Das war große schauspielerische Leistung, getragen von fast fünf Jahrzehnten Bühnenerfahrung.

Am Ende bleibt der Eindruck eines Abends, der ebenso fordernd wie sehens- und lohnenswert war. Kein leichtes Kabarett, sondern ein intensives Kammerspiel über Menschen, die nach einfachen Antworten suchen und dabei an die Falschen geraten, denn dieser Lebensberater bräuchte selbst eine Therapie. Das alles war manchmal schwer verdaulich, aber es war auch stark gespielt und klug gedacht. Am Ende gab es langen Applaus für diese Leistung.

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