Schuberts „Winterreise“ als intensives Hörspiel

von Redaktion

Abend in der Sammlung Peter Schmidt in Waldkraiburg überzeugt das Publikum – Teil der Reihe „Leseglück“

Waldkraiburg – Erst in der vergangenen Woche feierte das Stück aus dem Jahr 1827 im Münchner Prinzregententheater mit einem Sänger und einem Pianisten einen großen Erfolg. Umso neugieriger war das Publikum, wie die „Winterreise“ mit Schauspieler Stefan Hunstein als Sprecher, dem renommierten Axel Wolf mit seiner Laute und Saxofonist Hugo Siegmeth, in allen Stilrichtungen erfolg- reich zu Hause, in der Sammlung Peter Schmidt interpretiert würde.

In seiner Begrüßung verwies Museumsleiter Andreas Seifinger auf die Reihe ‚Leseglück‘, die in fünf Landkreisen stattfindet und das alltägliche Leben in den Mittelpunkt stellen soll, so wie es zum Beispiel das Gemälde „Heiteres Musikstück“ in der Sammlung zeigt: „Dies wird Ihnen hier und heute von einem Trio voller Intensität geboten, denn die beiden Musiker reagieren auf den jeweiligen Tonfall des Interpreten, der die Schubert-Lieder mit dem Text von Wilhelm Müller spricht. Die beiden Musiker gehen bei diesem tiefgründigen Kunstwerk ganz frei mit Schuberts Musik um.“

So informiert konnten die Besucher die Stationen eines Ausgestoßenen, der sein Dasein reflektiert, in der eigenen Musiksprache von Wolf und Siegmeth genießen. „Fremd bin ich ausgezogen“ wurde in der „Guten Nacht“ zart begleitet von der Laute und den sanften Läufen des Saxofons. „Der Wind spielte draußen mit der Wetterfahne und drinnen mit den Herzen, so meine Tränen erstarrten“, von den Musikern zuerst melodisch, dann sonor begleitet, und Hunstein zitierte: „Ich will die Erde küssen, durchdringen Eis und Schnee.“

Dazu erklangen Siegmeths dumpfe Töne, brachen jäh ab und kamen lieblicher zurück. Beim fünften Text sang Hunstein „Am Brunnen vor dem Tore“ mit, die Melodie nahm das Saxofon auf und der Rezitator hauchte schließlich nur noch: „Hier findst du deine Ruh.“ Zur folgenden Wasserflut vermeldete er dann: „Manche Träne ist aus meinem Auge geflossen. Wohin nimmt sie ihren Lauf?“ Beim „hellen, wilden Fluss“ wiederum nahmen sich Klarinette und Laute immer mehr zurück: „Wie still bist du geworden!“ Im „Rückblick“ steigerten beide rasant ihr Tempo, bis sie vor dem Haus zweier Mädchen stillstehen, was Siegmeth vibrierend ausklingen lässt. Im neunten Gedicht findet „jedes Leiden sein Grab“, begleitet von einem fast zitternden Saxofon, das mit einem Solo in den höchsten Tönen endet. Die anschließende Rast beim Köhler lässt die Instrumente fast tanzen und Axel Wolf zupft danach aufmunternd an einem Blumenstrauß im „Frühlingstraum“. Dazu singt Hunstein leise: „Ich träumte von bunten Blumen und von Liebe“.

Auch hört man als Nächstes förmlich das Posthorn in der Stadt, wo das Liebchen wohnt. Bedächtig im Dreivierteltakt geht es weiter, als die Laute anstimmt: „Der Reif hat einen weißen Schein übers Haar gestreut“ und auch beim Lied von der Krähe, dem wunderlichen Tier, beginnt sie recht gefällig, bis der Rezitator „über die Treue bis zum Grab“ sinniert, gedankenvoll vor den Bäumen stehenbleibt und Wolf die letzte Hoffnung mit einem verträumten Solo beendet. Rasant-jazzig stimmt das Saxofon „Im Dorfe“ an, wo die Hunde bellen, was Hunstein gekonnt imitiert, Siegmeth kurz mitknurrt und die Musik im Takt dazu endet. Kalt und wild wird es danach am stürmischen Wintermorgen bei fliegenden Wolkenfetzen und selbst das Licht beim weißen Haus erweist sich als Täuschung: Nur ein Lauten-Solo besänftigt etwas. Der „Wegweiser“ bringt den sanft-fließenden Übergang durch Siegmeths Saxofon hin zu den Städten, wo auch ein Wirtshaus steht: Die Laute deutet liedhaft an, Hunstein singt, wie er unbarmherzig abgewiesen wird, und die Musiker unterbrechen ihn jäh.

Mut sprechen sich schließlich alle zu: „Klagen ist nichts für unsere Ohren. Sind wir nicht selber Gott?“ Drei Sonnen scheinen danach zu viel: „Sie schauen nur anderen ins Gesicht, im Dunkel wird mir wohler sein“, Saxofon und Laute genau darauf abgestimmt. Der Leiermann im Dorf schließlich dreht mit starren Fingern sein Instrument und muss „alles gehen lassen, wie es will“. Noch einmal gehen die Musiker frei mit Tenorsaxofon, Bassklarinette und Laute mit den Schubert-Melodien um, die jeder auf seine eigene Art durchwandert: Jeder erzählt seine Musiksprache mit viel Fingerspitzengefühl. Dazu die Texte von Stefan Hunstein – ein „musikalisches Hör- und Sehspiel“, welches das begeisterte Publikum zu einem langen Schlussapplaus animierte. Den Wunsch nach einem letzten Stück, gleichsam als Zugabe, erfüllte das Trio mit dem rasanten „Zauberlehrling“ von Goethe. Doch erst, als auch alle Fragen der Zuhörer beantwortet waren, endete dieser außergewöhnliche Abend. Erika Fischer

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