Die singende Amsel im Cum-ex-Biotop

von Redaktion

Chiemgauer Volkstheater mit turbulenter Verwechslungskomödie in Mühldorf zu Gast

Mühldorf – Eigentlich ist „Eine Amsel macht noch keinen frommer“ eine klassische Verwechslungskomödie. Aber schon der Untertitel des Volksstücks von René Heinersdorff „Eine unbestechliche Komödie“ lässt erahnen, dass sich das Ensemble des Chiemgauer Volkstheaters diesmal im Stadtsaal in den Sumpf der Bestechlichkeit und Korruption begibt. Dass das auf höchst vergnügliche Art geschieht, ist bei diesem legendären, familiengeführten Theater erwartbar.

Sophie Bauer, herrlich grell, aber liebenswert dargestellt von Mona Freiberg, war in ihren besten Jahren bekannt als „Amsel vom Chiemsee“, führt aber seit Langem die Pension „Seeblick.“ Ihr Faktotum Schorsch, mit Wiener Charme gespielt von Andreas Kern, sorgt sich um Küche, Haus und um die Seele der Chefin.

Die Wirtin ist verzweifelt, weil sie ihre einfache Pension um einen Wellnessbereich vergrößern will, ihr Antrag aber immer noch unbeantwortet beim Stadtrat liegt. Die zuständige Grünen- Abgeordnete („Giftspritzn“) scheint Sophie Bauers Konkurrentin, zufällig auch ehemalige Sängerin („Die Krähe vom Pruttinger Weiher“) zu bevorzugen; die Wirtin wittert Korruption und nimmt Kontakt zu einem Whistleblower auf, der jede Minute erwartet wird. Dafür erscheint Dr. Peter Aschauer als Hilfe, dessen Aufenthalt in der Pension mit erotischen Absichten zu tun hat. Er erwartet zwei Damen, will sich aber aus der Affäre ziehen, als er erfährt, dass seine Frau Wind davon bekommen hat. Der schüchterne und verklemmte Hans Huber (Flo Bauer) soll den Damen ausrichten, dass der Landrat verhindert ist. Dass die „Mäuse“ allerdings fast zeitgleich von sich aus telefonisch absagen, bringt das Verwechslungskarussell in Schwung.

Der hilflose Hans Huber – Darsteller Flo Bauer sorgt dafür, dass man als Zuschauer selbst Schwitzhände bekommt – hält die Amsel vom Chiemsee und die eintretende Stadträtin für die beiden Damen, auf die er angesetzt ist. Im Gegenzug vermutet Sophie Bauer in Huber den geheimnisvollen Whistleblower. Wie zu erwarten entspinnt sich eine Kommunikation auf zwei Ebenen: Autor René Heinersdorff sparte nicht an Sätzen und Begriffen mit Doppeldeutigkeiten (Biotope und Feuchtgebiete), das Ensemble erntet dafür Lacher im Sekundentakt. Es geht um Schlüpfriges einerseits, um Politik andererseits. Und mit einem Mal wendet sich alles: So wird beispielsweise die großartige Kristina Helfrich von der zugeknöpften Lustbremse zu einem sprudelnden lebens- und liebesfreudigen Wesen. Alle außer dem bodenständigen Faktotum Schorsch durchleben eine Metamorphose, die die sympathische Professionalität der Schauspieler und des Regisseurs und Theaterchefs Bernd Helfrich erkennen lässt. Als nach einem Freundschaftsumtrunk aller Beteiligten („Den trinken wir cum ex“) schließlich der einstmalige Hit der Amsel vom Chiemsee „Wo steht der alte Zuckerhut“ erklingt, ist von Gegensätzen nichts mehr zu spüren. Und das begeisterte Publikum reicher um die Erkenntnis, dass Politik und Humor sich nicht ausschließen.

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