Mühldorf – Schon der Auftakt machte klar, dass dieser Konzertabend im Haberkasten kein gewöhnlicher werden würde. Als Support waren Young Fast Running Men aus Landshut auf die Bühne gekommen – und sie erwiesen sich als ideale Vorband für das, was danach noch folgen sollte. Musikalisch passte das bestens zusammen. Im Mittelpunkt stand Frontmann Fabian Hertrich, ein g’standenes Mannsbild mit einer ungemein markanten Stimme, die sich scheinbar mühelos durch die unterschiedlichsten Genres bewegte. Die ganze Band wirkte wie eine Truppe, die man am treffendsten wohl als „coole Socken“ bezeichnen kann. Ihre Songs und Balladen boten große Vielfalt und folgten doch einem klaren roten Faden. Als Support angekündigt, hinterließen die „rennenden jungen Männer“ vor allem einen Wunsch: sie an einem warmen Sommerabend bald einmal wiederzusehen – und vor allem wiederzuhören.
Druckvoll, warm und
ungekünstelter Sound
Dann übernahmen Midge’s Pocket – und von diesem Moment an war klar, dass hier eine Band auf der Bühne stand, die ihr Publikum fest im Griff hat. Die in der Region längst bestens bekannte Gruppe, für viele fast schon Lokalmatadore, lieferte ein Konzert ab, das eindrucksvoll zeigte: Gute Musik kennt kein Verfallsdatum. Midge’s Pocket setzen nicht auf modische Effekte, sondern auf das, was gute Rockmusik seit jeher ausmacht: satte, erdige Sounds, handwerkliche Klasse, starke Songs und eine Bühnenpräsenz, die das Publikum unmittelbar mitnimmt. Das alles klang ehrlich, kraftvoll und hatte spürbar Substanz.
Die Besetzung zeigte dabei eindrucksvoll, wie gut die vier Musiker aufeinander abgestimmt sind: Axel Hackner, der neu dabei ist, übernahm Gesang und Orgel, Bernie Huber spielte Gitarre und sang, Bastian Schuhbeck war für Drums, Percussion und Tasten zuständig, Johnny Schuhbeck für Bass und Gesang.
Gemeinsam entwickelte das Quartett einen Sound, der druckvoll, warm und zugleich angenehm ungekünstelt wirkte. Musikalisch bewegte sich die Band sicher zwischen Rock, Soul, Americana, Folk und Country – inspiriert von den weiten Landschaften und dem rauen Lebensgefühl amerikanischer Musik.
Bluesige Sümpfe, staubige Highways und der unverwüstliche Geist des Rock ‘n‘ Roll schienen im Haberkasten für ein paar Stunden ganz nah. Dabei klang die Musik nie nach bloßer Kopie, sondern nach einer leidenschaftlichen Verbeugung vor der alten Schule: dreistimmiger Gesang, authentisches Songwriting und eine Live-Performance, die druckvoll, direkt und erstaunlich präzise daherkam.
Besonders herausragend war an diesem Abend Bernie Huber. Seine Stimme hat jene Kraft und Eindringlichkeit, die man nicht so schnell vergisst. Rau, energiegeladen und doch immer kontrolliert, prägte sie viele Momente des Konzerts nachhaltig. Ein besonders starkes Beispiel dafür war der rund achtminütige Titel „Night Ibis“, in dem Huber seine stimmliche Klasse eindrucksvoll unter Beweis stellte. Das war kein Gesang, der einfach nur trägt – das war eine Stimme, die hängen bleibt.
Im Mittelpunkt des Abends stand auch das neue Album, aus dem zahlreiche Titel vorgestellt wurden. Die neuen Songs machten deutlich, dass Midge’s Pocket über all die Jahre nichts von ihrer Spielfreude eingebüßt haben. Im Gegenteil: Man spürte die große Bühnenerfahrung in jedem Song, in jedem Übergang und in jeder Pointe. Gleichzeitig wirkte das alles nie routiniert oder abgespult, sondern frisch, lebendig und voller Lust am gemeinsamen Musizieren.
In den Fußstapfen
großer Vorbilder
Dass die Band über viele Jahre hinweg eine treue Fangemeinde aufgebaut hat, war im Haberkasten ebenfalls nicht zu übersehen. Mit zunehmender Dauer sprang der Funke immer stärker über. Der Platz vor der Bühne wurde schließlich zur Tanzfläche, und der Haberkasten verwandelte sich mehr und mehr in eine amerikanische Südstaatenkneipe mit oberbayerischem Einschlag.
Gerade darin lag die besondere Qualität dieses Konzerts: Midge’s Pocket versuchen nicht, das Rad neu zu erfinden. Sie spielen Musik, die schon gestern funktioniert hat, heute funktioniert und auch morgen noch funktionieren wird – wenn sie so überzeugend, so ehrlich und so mitreißend dargeboten wird wie an diesem Abend.
Oder anders gesagt: Wenn Creedence Clearwater Revival heute noch einmal in Bayern auf die Bühne kämen, könnten sie durchaus so klingen wie diese vier Musiker. Mit ihrem Auftritt im Haberkasten haben Midge’s Pocket eindrucksvoll bewiesen, dass zeitlose Musik noch immer die größte Wucht entfalten kann – dann nämlich, wenn Könnerschaft, Leidenschaft und Spielfreude so stimmig zusammenkommen wie an diesem Abend.