Mühldorf – Manchmal genügen zwei Flügel, um einen ganzen Saal musikalisch zum Fliegen zu bringen. Mehr brauchte es auch in Mühldorf nicht – Axel Zwingenberger und Joja Wendt machten im fast ausverkauften Stadtsaal vor, wie frisch, kraftvoll und zugleich unterhaltsam Boogie- Woogie klingen kann, wenn zwei Meister ihres Fachs nicht einfach nebeneinander spielen, sondern wirklich miteinander.
Mit Lust, Druck,
Stil und Lässigkeit
Schon nach wenigen Takten war zu spüren, dass diese Musik weder museal verwaltet noch geschniegelt vorgeführt werden sollte. Hier wurde nicht konserviert, hier wurde gespielt – mit Lust, mit Druck, mit Stil und mit jener lässigen Selbstverständlichkeit, die gerade dieser Musik so gut steht.
Der Reiz des Abends lag nicht zuletzt in den Unterschieden der beiden Pianisten. Zwingenberger, seit Jahrzehnten ein Weltstar des Boogie-Woogie, verkörpert den klassischen, erdigen Zugriff. Sein Spiel hat Wucht, Bodenhaftung und einen unerschütterlichen rhythmischen Zug. Da rollt und stampft es, da hat jede Figur Gewicht, da kommt der Boogie aus einer tiefen Überzeugung für diese Musik.
Wendt dagegen setzt andere Akzente. Er wirkt beweglicher, offener, eleganter in der Geste, mit einem feinen Gespür für Pointen, Übergänge und den kleinen Moment, in dem aus Virtuosität plötzlich Unterhaltung im besten Sinn wird. Aber gerade daraus entstand die Spannung dieses Konzerts. Hier trafen nicht zwei Pianisten aufeinander, die dasselbe auf dieselbe Weise spielen, sondern zwei musikalische Persönlichkeiten mit eigenem Ton, eigenem Temperament und eigener Bühnenpräsenz. Der eine eher der Mann für den kernigen Drive, der andere mit größerer Lust am Spiel mit Farben, Charme und spontaner Wendigkeit. Die beiden ergänzten sich, reizten sich gegenseitig, fingen einander auf und trieben sich voran.
Dabei wirkte nichts geschniegelt, nichts gebügelt, die Klasse beider Musiker schlug nie in bloße Demonstration um. Natürlich war das virtuos, natürlich saß jeder Lauf, jeder rhythmische Akzent, jede Wendung. Aber es blieb immer Musik und wurde nie zur bloßen Fingerübung. Man hörte nicht zwei Pianisten, die etwas beweisen wollten, sondern zwei, die sich und dem Publikum einen guten Abend bereiten wollten – und gerade deshalb so gut waren.
Das Publikum ging diesen Weg gerne mit. Da wurde nicht nur höflich applaudiert, da wurde mitgegangen, mitgelacht, mitgestaunt. Der Abend hatte Tempo, aber auch Leichtigkeit; er hatte Kraft, aber nie Schwere. Und gerade diese Verbindung machte ihn so überzeugend.
Boogie-Woogie ist eine Musik, die leicht unterschätzt wird. Wer nur an rollende Bässe, rasante Läufe und nostalgische Rhythmusfreude denkt, greift zu kurz. An diesem Abend wurde deutlich, was in ihr steckt: Präzision, Witz, Energie, Kommunikation und eine erstaunliche Bandbreite an Ausdruck. Bei Zwingenberger und Wendt klang das nicht nach gestern, sondern sehr gegenwärtig. Es hatte etwas Zeitloses, ohne jemals altmodisch zu wirken.
Auch als Bühnenmenschen funktionierten beide hervorragend. Sie trugen das Konzert nicht mit großen Gesten, sondern mit Präsenz. Mit einem Gefühl für Timing. Mit jener Ruhe, die aus Können entsteht. Und mit einer Lässigkeit, die den Abend besonders machte.
So blieb am Ende weit mehr als der Eindruck eines gelungenen Konzerts. Es war ein Abend, der zeigte, dass Boogie-Woogie weder museales Spezialistentum noch bloßer Gute-Laune-Sound ist, sondern eine Kunstform, die in den richtigen Händen enorm lebendig sein kann.
Voller Freude
an der Musik
Der fast ausverkaufte Stadtsaal lieferte dafür das schönste Argument. Und vielleicht war genau das das Beste an diesem Konzert: dass es bei aller Klasse nie angestrengt wirkte. Sondern frei. Souverän. Und voller Freude an der Musik. Ein Abend also, wie man ihn sich wünscht, gerade, weil man ihn nicht allzu oft erlebt. gerd kreibich